Brief 1865 02 14 (Schaaffhausen an Minister), 66 - 71

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Brief an

Datum: 14 Februar 1865
von: Schaaffhausen
an: Minister



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Erw. Excellenz,

statte ich erst jetzt für die gegen mich im Schreiben vom 24ten September
vorigen Jahres ausgesprochenen wohlwollende Gesinnung meinen aufrichtigen Dank
ab, freilich mit dem Bedauern, daß meine Eingabe vom 24ten April desselben
Jahres mit den darin entwickelten Gründen nicht nach ihrem ganzen Inhalte Erw.
Excellenz Zustimmung gefunden hat. Wenn das hohe Ministerium darauf hin-
weist, daß ich nicht in der Lage sei, meine Beförderung zu einerordentlichen Pro-
fessur in der hiesigen medizinischen Fakultät Allerhöchsten Ortes zu beantragen,
da weder eine Vakanz in derselben vorhanden sei, in welche ich eintreten
könnte, noch auf andere Weise das Bedürfniß einer Vermehrung des Personals
der Fakulltät hervortrete, so darf ich zunächst geltend machen, daß aller-
dings eine Vakanz besteht, indem nach den noch gültigen Statuten unserer
Universität vom Jahre 1827 die sechste ordentlliche Professur für die Staatsarznei-
kunde, gerichtliche Medicin, Enzyklopädie und Methodologie der Medizin
in der That nicht besetzt ist. Wenn die früher vereinigten Fächer der
Anatomie und Physiologie nun in 2 ordentliche Professuren getheilt worden
sind, wenn man für die pathologische Anatomie eine neu gegründet hat, so
wird man eine ordentliche Professur, die an allen deutschen Universitäten be-
steht und diejenigen Fächer des medizinischen Studiums in sich begreift, welche
in den andern ordentlichen Professuren noch nicht vertreten sind, gewiß nicht
eingehen lassen wollen. Wiewohl ich Staatsarzneikunde bisher nicht gelesen 
habe, die auch seit Jahren nicht hier gelesen worden ist, so vertrete ich doch
die übrigen dieser Professur zugewiesenen Fächer und noch andere ausserdem.
Aber selbst wenn diese Vakanz nicht bestünde, wie sie thatsächlich da ist,
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würde die doppelte Besetzung einer ordentlichen Professur mit Rücksicht auf einmal
vorhandene Lehrkräfte eine Maßregel sein, die überall üblich ist. Haben doch
hier in Bonn 3 ordentliche Professoren in den Fächern der Pathologie und Therapie,
Harless, Nasse und Naumann jahrelang zusammengewirkt, wie früher in der Physiologie
Mayer und Johannes Müller, später in der Anatomie Mayer und Weber.
Wenn ein Lehrer der Universität nach zwanzigjähriger ungeschwächter Wirksamkeit,
die er nur der eigenen Kraft verdankt, 48 Zuhörer in seiner Privatvorlesung und
89 in seinem Publikum aufweist, so ist er wohl thatsächlich als ein ordentliches
Mitglied des Lehrkörpers zu betrachten, wenn ihm auch das Amt eines solchen
fehlt. Es ist aber keine Kunst, Zuhörer zu haben, wenn man das Privilegium
dafür in Händen hat, was zumal bei den Dozenten der Fall ist, die zugleich
Direktoren wissenschaftlicher Institute sind.

Wohl mag es Fächer geben, die nicht zu den Fakultätsstudien gerechnet, die auch nur
von einer kleinen Zahl von Studirenden gehört werden, deren Besetzung durch
eine ausserordentliche Professur deshalb als entsprechend angesehen wird; die Fächer,
über die ich lese, hat man aber zu allen Zeiten für so wichtig gehalten, daß
sie einer ordentlichen Professur oder sogar mehreren zugetheilt waren.

In den ältesten Statuten der Bonner Universität sind sogar zwei ordentliche
Professuren für diesen Theil der medizinischen Studien angeordnet, eine für
medizinische Naturwissenschaften in Verbindung mit vergleichender Physiologie
und eine zweite für Geschichte und Literatur sowie Enzyklopädie und
Methodologie der Medizin. Ich lese sowohl allgemeine, vergleichende Physiologie
als Enzyklopädie und Methodologie der Medizin. Die Naturwissenschaften sind
wohl jetzt mehr wie jemals als die notwendige Grundlage des medizinischen
Studiums erkannt und eine Vermehrung des Personals der Fakultät mit
Rücksicht auf solche Fächer, welche die naturwissenschaftliche Bildung der Studiren-
den fördern und erweitern, würde recht wohl als ein Bedürfniß des
medizinischen Unterrichtes angesehen werden können, von dem ich und andere
Mitglieder der Examinations-Commission für die medizinische Staatsprüfung

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nur oft genug zu überzeugen die Gelegenheit haben.

Wenn man es nöthig gefunden hat, für die pathologische Anatomie, die nur ein Theil
der allgemeinen Pathologie ist, einen neuen Lehrstuhl zu gründen, so darf ich
hervorheben, daß sich auch die von der Anatomie und Physiologie abgelöste Anthro-
pologie zu einer selbstständigen Wissenschaft ausgebildet hat, deren große Wichtigkeit
Niemand verkennen wird, welcher die Tragweite der von ihr erörterten Fragen zu
beurtheilen im Stande ist. In andern Ländern, zumal in Frankreich und England,
erfreuen sich diese Studien der großartigsten öffentlichen Unterstützung, für meine
Thätigkeit in diesem Fach ist es traurig genug, daß ich von einer preussischen Uni-
versität und in dem Vaterlande Blumenbachs den Mangel einer anthropologischen
Sammlung für den Unterricht und das Studium bei jeder Gelegenheit beklagen
und die Herbeischaffung der mir unentbehrlichen Hülsmittel auf eigene Kosten
bewerkstelligen muß!

Wenn ich also beantrage, daß mir eine ordentliche Professur für die Fächer der
allgemeinen Physiologie, der allgemeinen Pathologie, der gerichtlichen Medizin, der
Anthropologie und der Enzyklopädie und Methodologie der Medizin unter irgend
welchem Namen anvertraut werde, so ist das gewiß eine Professur, die ihre
volle Berechtigung hat auch für den Fall, daß man die durch den bevorstehenden
Abgang des Professors Otto Weber nach Heidelberg vakant werdende Pro-
fessur der pathologischen Anatomieals eine ordentliche Professur fortbestehen
lassen und wiederbesetzen wird, während ich freilich der Meinung bin, daß
mit Rücksicht auf das durch die klinischen Anstalten unserer Universität diesen
Studien zugehende Material eine ausserordentliche Professur aus-
reichend sein würde.

Da ich seit so vielen Jahren thatsächlich einen Theil der Ausbildung der Studirenden
in Händen habe, so darf ich auch danach verlangen, endlich einmal einen Ein-
fluß auf die Verwaltung der Universitäts-Angelegenheiten üben zu können. Ich
gehöre bereits zu den älteren Mitgliedern der medizinischen Fakultät, und
da zwei meiner Schüler schon hier als Extraordinarien lesen, so werde ich
als nächstes auch erleben können, daß ein solcher in meiner Fakultät als Ordinarius
über mich Gericht hält. Unter andern äussern Lebensverhältnissen würde ich

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bei Ausübung meines Berufes längst zu Grunde gegangen sein; diese zufälligen
Lebensumstände aber, die sonst nirgendwo im Staatsleben Berücksichtigung finden,
können doch wohl nicht ein Grund sein, daß mir eine amtliche Stellung versagt bleibt,
die meiner Thätigkeit entspricht. Wie drückend es mir ist, mein Lehramt
unter den obwaltenden Verhältnissen ferner auzuüben, habe ich Erw. Excellenz
schon einmal ausgesprochen. Ich entnehme deßhalb mit Befriedigung aus dem mir
zuletzt gewordenen Bescheide, daß Erw. Excellenz selbst den mir nach zwanzig-
jähriger Wirksamkeit zugewiesenen Gehalt von dreihundert Thalern nicht als
angemessen betrachtet, sondern als doch das Maß der damals verfügbaren
Mittel bedingt bezeichnet haben. So hoffe ich denn, daß es dem hohen
Ministerium endlich als eine nicht länger zu verschiebende  Maßregel
der Gerechtigkeit erscheinen wird, meiner Wirksamkeit, die doch lange
Zurücksetzung, durch neue Berufungen und den natürlichen Zuwachs der Lehr-
kräfte immer nur benachtheiligt oder doch … worden ist, durch die von
mir beantragte Beförderung die lang entbehrte Anerkennung zu Theil
werden zu lassen.

Mit besonderer Hochachtung
zeichnet
gehorsamst
Professor Dr. Hermann Schaaffhausen
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