Brief 01 (An den Dekan)

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Version vom 9. März 2016, 21:45 Uhr

Brief an den Dekan

Datum: 21.3.1856 von: Schaaffhausen An: Dekan Herbert von Uniwald

Erw. Excellenz
spreche ich jetzt erst für die auf mein Gesuch erfolgte Bewilligung
des Ankaufs der durch Herrn von der Lauritz (?) angefertigten Rassen-
büsten hiermit den schuldigen und wärmsten Dank aus, da erst vor
kurzem der Abschluß der Rechnungen über diesen Gegenstand sowie die Zweck-
mäßige Aufstellung der Büsten in dem hiesigen anatomischen Museum er-
folgt ist. Zugleich benutze ich aber diese Gelegenheit Erw. Excellenz
die Bitte vorzutragen, bei den Verhandlungen über die Wiederbesetzung
der durch den Abgang des Herrn Professors Helmholtz erledigten Professur der
Anatomie und Physiologie für den nun eingetretenen Fall einer von dem
Hohen Ministerium beschlossenen Trennung dieser beiden inhaltsreichen Fächer
Meiner mit dem Ablauf dieses Jahres vierzehnjährigen akademischen Wirk-
samkeit nicht uneingedenk zu sein. Wenn ich erwäge, wie oft und auch
in letzter Zeit an unserer Universität ordentliche Professuren an junge,
in Bezug auf ihre Lehrfähigkeit noch kaum erprobte Männer in gutem Ver-
trauen auf ihre Tüchtigkeit vergeben worden sind, so glaube ich im Hinblicke
auf eine lange, erfolgreiche und ganz uneigennützige akademische Thätigkeit
doch endlich einen nicht unbilligen Anspruch auf eine würdigere Stellung
an unserer Hochschule erfahren zu können. Wenn ich ohne eine ordentliche 
Professur zu bekleiden, also allein auf mich selbst gestellt, in meinen
Vorlesungen eine Zahl von Zuhörern erreicht habe, wie wenig andere
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Leser der Universität, so kann ich mein Bestreben, das ausgedehnte Gebiet des physiologischen Wissens in seinem ganzen Umfange zu bewältigen und die seltenste Kunst des akademischen Lehrers, die Gabe eines freien und anregenden Vortrags mir anzueignen, nicht für ganz verfehlt halten. Im Jahre 1854 betrug die Zahl meiner Zuhörer 123, 1855: 137, 1856: 131, 1857: 157, 1858: 135. Daß ich bisher keine größeren literarischen Werke herausgegeben, ist freilich eine Ausnahme von der Regel; ich darf aber auf den unausgesetzten Fleiß verweisen, den ich meinen zum Theil sehr zeitraubenden Vorlesungen gewidmet, und auch auf meine äussern Verhältnisse, die mich niemals auf diesem Weg als auf eine Erwerbsquelle hingedrängt haben. Es sind indessen von mir in Gelehrtenversammlungen bei jeder Gelegenheit Vorträge Gehalten worden, die nicht ohne Anerkennung geblieben sind, und die von mir in Zeitschriften gedruckten Abhandlungen, bis jetzt neun an der Zahl, werden nach Form und Inhalt nicht gegen mich zeugen. Selbst abgesehen von der nothwendig gewordenen Besetzung der Professur der Physiologie ersehe ich aus den Statuten der medizinischen Fakul- tät, daß noch zwei ordentliche Professuren hierselbst unbesetzt sind nämlich die der medizinischen Naturwissenschaften und die der Geschichte und Literatur der Medizin sowie die Enzyclopädie und Methodologie der Medizin, und gerade in diesen Fachkreis gehören die Vorlesungen, welche ich ausser denen über die Physiologie halte. Die Anthropologie

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