Brief 1889 06 27 (Kurator an Ministerium), 177 - 181

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Datum: 27.06.1889
von: Curator
an: Ministerium
Transkription von: Dr. Ursula Zängl, ZB MED



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Curatorium 
der
Rheinisch-Friedrich-Wilhelms Universität
J.Nr. 762

Betrifft den außerordentlichen Pro-
fessor Geheimen Medicinalrath Dr.
Schaaffhausen
							Bonn, den 27. Juni 1889
Erw. Excellenz beehre ich mich
auf den Erlaß vom 2. April d. J. U.
I.No. 5848, welcher wieder bei-
geschöossen ist, über den Antrag des
außerordentlichen Professor Geheimen
Medicinalraths Dr. Schaaffhausen
sowie über dessen Verhältnisse Folgen-
des zu berichten.
Es ist vollkommen verständlich,
daß ein akademischer Docent nach der
Erlangung einer ordentlichen Profes-
sur strebt und in Mißstimmung
verfällt, wenn er dies Ziel nicht er-
reicht, und nicht minder begreiflich
daß er den Grund zum Fehlschlagen
weniger in sich selbst als in der Un-
gunst der Verhältnisse sieht. So weit
ich nur aus den früher in derselben
Angelegenheit erstatteten Berichten


An
den Königlichen Staats- und
Minister der geistlichen Unter-
richts- und Medicinal.Angele-
genheiten
Herrn Dr. von Gossler
Excellenz
Berlin

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vom 20. April und vom 24. November
1865 sowie aus mündlichen Unterre-
dungen über den vorliegenden Fall
ein eigenes Urtheil habe zu bilden  ver-
mögen, scheint mir der H. Schaaffhau-
sen in seinen jüngeren Jahren daran
gefehlt zu haben, daß er seine wissen-
schaftlichee Kraft zersplittert hat statt
sie auf einen bestimmten Zweig der
medizinischen Wissenschaft zu konzen-
trieren und dadurch hervorstechende Lei-
stungen zu ermöglichen. Daher hat 
sich unzweifelhaft das Urtheil der Fa-
kultät gebildet, daß sein Wissen ei-
nen dilettantischen Charakter trage
und bei der ihm zu Gebote stehenden
Redegabe für die Studirenden die Ge-
fahr der Verführung zur Oberfläch-
lichkeit nahe lege. Daß dies bereits
vor Jahrzehnten gefällte Urtheil bei
den Mitgliedern der Fakultät auch
jetzt noch maßgebend ist, beweist
der Curatorialbericht vom 20. Sep-
tember 1884.

Dagegen wird man, soviel ich sehe,
allerdings geltend machen können, daß

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der H. Schaaffhausen seit einer länge-
ren Reihe von Jahren seine lehrende und
literarische Thätigkeit überwiegend der
Anthropologie zugewandt hat; die erste
re allerdings nicht ausschließlich, denn er
hat in den letzten 5 Jahren immer noch
abwechselnd Enzyclöpädie der Medicin
und allgemeine Physiologie gelesen, da-
neben auch Vorlesungen über allge-
meine Pathologie und mikroskopische
Demonstrationen zur Physiologie ange-
kündigt, aber nicht zu Stande gebracht.
Als seine Hauptvorlesung kann man
aber doch wohl die Anthropologie an-
sehn. Aber diese Wissenschaft in ..
..  Sinne hat sich erst noch ihre Stel-
lung zu erringen, von mancher Seite
wird ihr dieser Charakter zur Zeit
noch abgesprochen oder wenigstens be-
hauptet, daß sie nicht in das Gebiet
der Medicin gehöre. Daraus er-
klärt sich dann wieder die abwehren-
de Haltung der Fakultät. Man wird
aber doch nicht in Abrede stellen kön-
nen, daß der p. Schaaffhausen auf
diesem Gebiete literarische Thätigkeit
			entfaltet

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entfaltet hat, freilich ist mir nicht be-
kannt geworden, daß sich derselbe über
einzelne Artikel hinaus auf neue größe-
re grundlegende Arbeit erstreckt hätte.
Soweit ich jedoch zu urtheilen vermag,
erfreut er sich auf diesem Gebiete
 ….. ausgedehnteren Autorität, wie
dies auch daraus hervorgeht, daß er
auf den Versammlungen der Gesell-
schaft wiederholt den Vorsitz geführt
hat. Auch in anderer Weise tritt die-
ses Ansehen hervor, denn der naturhisto-
rische Verein für die Preußischen Rhein-
lande und Westfalen hat ihn, wie ich
in diesen Tagen gelesen, für seinen
langjährigen Präsidenten, den …
… Wirklichen Geheimen Rath
von Dechen, an dessen Stelle gewählt.

Aus dieser Darlegung dürfte es
sich erklären, wenn der p. Schaaffhau-
sen sich als einen Hauptvertreter der
neuen Wissenschaft betrachtet und sei-
ne Ehre darin sieht, für dieselbe eine
ordentliche Professur zu erringen. Aber
ich finde, er sollte, da er bereits im

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74. Lebensjahre steht, von einem solchen
Streben absehn. Diese Sachlage hat mich
vornämlich bestimmt, gelegentlich des
letzten Ordensfestes für ihn die Verlei-
ung einer Allerhöchsten Auszeichnung
zu erbitten, weil ich mich der Hoffnung
hingab, daß ein solcher Tit. beruhigend
auf ihn einwirken würde.
Die Gehaltsverhältnisse sind meines
Erachtens von dem p. Schaaffhausen
nicht deshalb erwähnt worden, weil es
ihm  um eine pekuniäre  Verbesserung
besonders zu thun wäre, sondern nur
weil er in seinem geringeren Gehalt
eine persönliche Zurücksetzung findet.
Seine finanziellen Verhältnisse sind
nach den eingezogenen Erkundigun-
gen ganz günstige, er ist zur 14.
Stufe der Einkommenssteuer veran-
lagt.


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