Brief 1886 04 22 (Schaaffhausen an Ministerium), 2 - 5

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Datum: 22.04.1886
von: Schaaffhausen
an: Ministerium
Transkription von: Dr. Ursula Zängl, ZB MED



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						Bonn, den 22. April 1886
Sehr geehrter Herr Geheimrat!

Die kürzlich stattgehabt Beratung des Budgets im
Abgeordnetenhause hat mir für die Bewilligung meines
Berichts am 10. März 1884 an den Herrn Cultus-
minister gerichteten Gesuches keine Aussicht eröff-
net. Ich werde nun meinen Antrag auf Entlassung
aus dem Amte wiederholen, da mir ein Bescheid
auf jenes Schreiben nicht zugegangen ist. Ich
habe in meiner Unterredung mit Ihnen am 12.
Oktober 1884 allerdings auf eine Antwort verzichtet,
aber nur, weil ich einen Erfolg von Ihren Erkundi-
gungen erwartete. Wenn ich diese Maßregel zu
der ich mitwirken sollte, damals eine sonderbare
Zumuthung nannte, so habe ich Ihre wohlwollende Absicht
dabei doch nicht erkannt. Heute nenne ich sie eine
Maßregel von sehr zweifelhaftem Werthe, die den Ge-
halt meines Schreibens an das K. Ministerium nicht
abzuschwächen vermag. Während Sie sich vielleicht
noch immer nach mir erkundigen, hat mich nun auch
die anthropologische Gesellschaft in Wien, der die nam-
hafttesten Naturforscher Österreichs so wie die Professo-
ren von der Wiener mediz. Fakultät angehören, am 15
Februar d. J. zu ihrem Ehrenmitglied ernannt. Ich
habe seit unserer Unterredung ein größeres Werk:
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„Anthropologische Studien“ veröffentlicht,  sowie ein Ver-
zeichniß meiner wissenschaftlichen Publikationen heraus-
gegeben. Aber das Alles ist für das K. Ministe-
rium vollständig gleichgültig. Ich kann wohl sagen, daß
dasselbe meine akademische und literarische Thätigkeit
niemals gewürdigt hat. Ich habe im Nov. 1844 habi-
litiert, 1855 wurde ich Extraordinarius. fast nach 20 
Jahren, im Jahre 1864 erhielt ich den bescheidenen Gehalt
von 300 Th., der 1872 auf 500 Th. erhöht wurde und jetzt
nebst Wohnungszuschuß 720 Th. beträgt. Im Jahre 
1868 wurde von dem jetzt verstorbenen, bei Hofe angesehen-
nen Domprobst Holzer nicht in meinem, aber im Auftrage
eines meiner Freunde Ihrer Maj. der Kaiserin Mit-
theilung über meine ungünstige Stellung gemacht und
dieser Vermittlung allein verdanke ich den Titel eines
Geheimen Medizinalrathes. Herr Domprobst Holzer hat
sich mir noch einmal durch ein Schreiben vom 11. März
1880 angeboten, bei dem Herrn Minister von Puttkammer
(durchgestrichen) meine Angelegenheit zur Sprache zu bringen und
bat mich, ihm einige nähere Angaben über meine …
erlebisse zu machen. Ich habe dieser Aufforderung nicht
entsprochen, was ich jetzt bedaure. Der  …orden
IV Klasse wurde mir nicht für meine langjährige Be-
rufsthätigkeit verliehen, sondern weil ich im Jahre 
1870 ein von der Stadt Bonn gegründetes Kriegslaza-
reth von 68 Kranken eingerichtet und als erster Arzt 
geleistet habe. ich meine, es müsse eine einsichtige
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Staatsregierung einen akademischen Lehrer, der sich bemüht hat,
in jeder Weise heben(?) und fördern, aber nicht ihn sich selbst
überlassen. Ich habe mir aber meine Wirksamkeit trotz
aller Hindernissse, ohne ordentliche Professur, ohne Laborato-
rium, ohne Sammlung, ohne Betheiligung an den Prüfungen
zu erhalten gewußt und der Staat sollte es dankbar aner-
kennen, daß ich seit mehreren Jahren 3 bis 4 Stunden die
Woche publice lese, weil in der medicinischen Fakulttät es
fast unmöglich ist, bei meiner Stellung ein Privatkolleg zu
Stande zu bringen. Ich hatte mich für die Physiologie habilitirt
und habe viele Jahre lang die spezielle Physiologie neben Budge
und Helmholtz nach Semestern abwechselnd gelesen. Zweimal
wurde diese Professur vakant, aber durch Andere besetzt. Seit
der Berufung Pflügers lese ich nur noch die allgemeine Physiologie
als Publikum. Es klingt fast ironisch (?), wenn man mir jetzt sagt,
es sei keine Vakanz für mich vorhanden. Während meiner
Laufbahn sind in der hiesigen medicinischen Fakultät, wie
es der Fortschritt der Wissenschaften verlangt, 3 ordentliche Pro-
fessuren, die für vorklinische Anatomie, für … Ana-
tomie und die für   …………..
Alle Fächer, die ich lese, sind nicht weniger würdig, durch eine ordent-
liche Professor vertreten zu sein. Wenn ich mein Amt nieder-
lege, so muß ich der Staatsbehörde die Verantwortung dafür
überlassen, daß zunächst keine Enzyklopädie der Medizin, keine Anthropologie, keine Urgeschichte mehr hier gelehrt
wird, da ich diese Fächer allein vertrete. Wie man die 
Professur nennen will, die ich beanspruche, ist ja ganz gleichgültig.
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Wenn man aber sagt, eine ordentliche Professur für Anthropo-
logie in Bonn würde die Folge haben, daß eine solche an
allen preussischen Universitäten beantragt werden würde, so
verweise ich darauf, daß mit der Zeit dies gewiß geschehen
wird, zunächst aber wohl nicht, denn auf andern Universitä-
ten ist es gewöhnlich der Ordinarius eines andern Faches, wel-
cher der anthropologischen Forschung obliegt, in Berlin ist es
Virchow und Dubois-Reymond, in Halle Welcker, in Strass-
burg Gerland, in Jena Häckel. Die Universitäten können
nicht alle nach einer Schablone zugeschnitten sein und sind 
es nicht. Jede hat in Bezug auf die vorhandenen Lehrkräfte
ihre Eigenthümlichkeit.

Entschuldigen Sie, daß ich mir erlaubt habe, Ihnen noch einige Angaben
aus meinem akademischen Leben zu machen, die Ihnen vielleicht un-
bekannt waren. Noch eines möchte ich erwähnen. …, daß
für uns akademische Lehrer leider kein Anspruch nach einer ….
gehalt besteht. Wenn Sie mir vertraulich riethen, ich möge
mich von der Verpflichtung, Vorlesungen zu halten aus Alter-
rücksichten befreien lassen, ich würde dann das Gehalt fortbeziehen 
so widerstrebt es mir, mit einer Unwahrheit aus dem aka-
demischen Leben zu scheiden. Ich fühle noch nichts von Altersschwäche
und mache die Zahl meiner Zuhörer, im letzten Somer waren es
180, im Winter 86, noch meinen literarischen Thätigkeit mahnen
mich daran. Auch würde dadurch die wahre Ursache meiner Amt
niederlegung doch nur verschleiert werden. Sollte es nicht mög-
lich sein, den Herrn Finanzminister durch eine wahrheits-
getreue Darstellung der Sachlage für mein … günstiger 
zu stimmen? Den Herrn Curator Geh. Rath Gandtner habe ich
erst in diesen Tagen zufällig (?) von meinen hiesigen Erlebnissen
und meinem Entschlusse in Kenntniß gesetzt.
		Mit besonderer Hochachtung
		zeichnet ergebenst
		Prof. Dr. H. Schaaffhausen

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