Brief 1884 08 01 (Schaaffhausen an Minister)

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Datum: 01.08.1884
von: Schaaffhausen
an: Ministerium
Transkription von: Dr. Ursula Zängl, ZB MED



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Ew. Excellenz

erlaube ich mir auf das Schreiben des
K. Ministeriums vom 21 t. Juli,
welches ich als eine Antwort auf
meinen  an Ew. Excellenz unter dem 10 t.
März gerichteten Bericht über meine
Thätigkeit und Stellung an der hiesigen
Hochschule betrachte, das Folgende zu
erwidern.

Ich bedaure, daß meinem Wunsche, end-
lich in der Verleihung einer ordentlichen
Professur eine den Wissenschaften, die ich
vertrete und meinem so lange mit
Erfolg ausgeübten Lehramte entsprechende
Anerkennung zu erlangen, nicht hat
willfahrt werden können und das umso
mehr, als ich nicht glaubte, daß die Be-
setzung der etatmässigen Professuren
ein hinreichender Grund der Ablehnung
meines Wunsches sein könne.

Die oberste Unterrichtsbehörde hat oft
genug bewiesen, daß sie dem Fortschritte
der Wissenschaften durch Gründung neuer
Professuren Rechnung trägt. Wir ha-
ben jetzt eine ordentliche Professur für
Geografie, eine für Palaeontologie, zwei für Kunstgeschichte, die
früher nicht bestanden haben. Zumal
in der medizinischen Fakultät haben 
große Veränderungen stattgefunden. Die
früher vereinigten Fächer der Anatomie
und Physiologie sind als besondere Professuren


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getrennt, die vergleichende Anatomie
ist ebenfalls eine selbstständige Dis-
ziplin geworden. Der Professor für Augen-
heilkunde ist nicht weniger eine neue
Errungenschaft. Aus den 6 Professuren
der Statuten der medizinischen Fakultät
vom Jahre 1828 sind 9 geworden und eine
von jenen, die für Staatsarzneikunde,
gerichtliche Medizin und Enzyklopädie
ist nicht einmal besetzt. Wenn ich
für die von mir vetretenen Fächer, wo-
zu die Enzyklopädie gehört, die
gleiche Beachtung in Anspruch nehme, wel-
che andern zu Theil geworden ist, so ge-
schah dies im Hinblick auf die allgemeine
anerkannte Bedeutung derselben und
auf das, was in andern Ländern dafür
geschieht. Der Bescheid des K. Mini-
steriums ist mir deshalb besonders
…, weil die Herren Minister
von Mühler und Falck in den Jahren
1866 und 1873, wo auch keine Vakanz
bestand, mein Gesuch nur darum ab-
lehnten, weil das Gutachten der Fakul-
tät demselben nicht günstig war. Mir
will es scheinenen, als ob in einem Falle
wie dem meinigen, nicht nur die Zahl der
vorhandenen Professuren den  Ausschlag
geben müßte, sondern auch persönlicher
Ansprüche in Frage käme. Wenn mir eine
Professur für Anthropologie er-
theilt worden wäre, so müßte deshalb

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noch nicht an jeder Universität eine solche
gegründet werden, sowenig als an andern
Hochschulen eine Professur für Geschichte der
Medizin vorhanden ist, deren sich die Ber-
liner Universität erfreut.

Ich kann in dem Bescheide des K. Ministe-
riums nur erkennen, daß es die Wissen-
schaften, die ich lese und meine Leistung
in denselben keines besseren Preises werth
hält. Diesem Urtheile aber kann ich mich
nicht unterwerfen. Ich darf nach 40 jähriger
Thätigkeit meine akademischen und wissen-
schaftlichen Leistungen doch auch wohl selbst
schätzen und muß das, was mir dafür
geboten wird, als völlig unzureichend
bezeichnen.

Eine Honorar-Professur, wegen welcher
das K. Ministerium eine Anfrage an die
Fakultät richten will, muß ich ablehnen,
weil ich darin nicht eine Verbesserung, son-
dern eine Verschlechterung meiner Stellung
sehe. Wenn der Direktor einer Irren-
anstalt, die mit der Universität in Beziehung
tritt, ohne daß er Dozent war, Honorar-
Professor wird, so kann ich das begreifen.
Daß ich aber, der 40 Jahre lang doziert
hat und zwanzig Jahre lang ohne Gehalt
blieb und bis heute ein unzureichendes
erhalte, mit einer unbesodeten Hono-
rar-Professur belohnt werden soll, das
ist mir ganz unbegreiflich.
Da mir im 68 ten Lebensjahre nach
40 jähriger amtlicher Thätigkeit das
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Recht zusteht, die Entlassung aus dem
Amte zu beantragen, so ersuche ich 
das Königliche Ministerium unter
der Voraussetzung, daß mir, mit Rück-
sicht auf die so lange dem Staate ohne
Entgeld geleisteten Dienste, der Gehalt
als Pension fortgezahlt wird, um 
Bewilligung des Abschieds.

Hochachtungsvoll
und gehorsamst
zeichnent
Professor D. Hermann Schaaffhausen,
Geh. Med. Rath
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