Brief 1884 03 10 (Schaaffhausen an Minister)

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Datum: 10.03.1884
von: Schaaffhausen
an: Ministerium
Transkription von: Dr. Ursula Zängl, ZB MED



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Bonn, den 10. März 1884



Erw. Excellenz


möge mir gestatten, bei dem Ablaufe des Winter-Semesters
dem hohen Ministerium über meine Stellung an der hiesigen
Hochschule einige Mittheilungen zu machen, die ich als eine Er-
gänzung der Bemerkungen zu betrachten bitte, die ich nach Aufforde-
rung des Königlichen Ministeriums vor einigen Tagen dem hiesi-
gen Universitäts- Curatorium überreicht habe.

Ich gehöre der Universität Bonn seit nahezu vierig Jahren an
und habe mit Ausnahme eines Semsters, in dem ich beurlaubt war,
meine Lehrthätigkeit nie unterbrochen. Während des größten Theils
dieser Zeit habe ich nur mit den Gefühlen der Zurücksetzung und
der mir versagten Anerkennung mein Lehramt verwaltet, aber die
Liebe zu dem Berufe eines akademischen Lehrers hat mich 
unter diesen Hindernissen ausdauern lassen. Es ist mir nie gelungen
meinen Wirkungskreis zu erweitern oder solche Vortheile zu er-
langen, auf die eine erfolgreiche akademische Thätigkeit Anspruch
erheben darf. Im Jahre 1866 beantwortete Seine Excellenz der
Minister von Mühler mein Gesuch um eine ordentliche Professur
mit den Worten, daß das Gutachten der Fakultät meiner Be-
werbung nicht günstig sei, daß er diese Lage der Sache aufrichtig
bedaure und daß es ihm zur Freude gereichen würde, wenn sich

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diese Verhältnisse anders gestalteten. Erst im Jahre 1873 meldete (?)
ich mich wieder zur Beförderung. Im Jahre 1874 wurde ich von
Seiner Excellenz dem Minister Falck dahin beschieden, daß zur
Gründung einer Professur nicht das Vorhandensein eines Bewerbers
genüge und daß er nach reiflicher Erwägung aller Verhätnisse
ein sachliches Bedürfniß einer neuen Professur hierselbst nicht aner-
kennen könne. Damit war die Erfüllung meines Wunsches in
eine noch weitere Ferne gerückt als durch den früheren Bescheid.
Ich war damamls fest entschlossen, meine Professur niederzulegen, aber
die Freude an der akademischen Thätigkeit und der Beifall mei-
ner Zuhörer liessen mich bald wieder alles Andere vergessen.
Wenn ich bedenke, wie viele Zeit und geistige Kraft ich stets
für meine Vorlesungen verwendet habe, so zweifle (?) ich kaum, daß ich
nach Niederlegung meines Lehramtes für die Wissenschaft Größe-
res und Besseres hätte leisten können. Doch leugne ich nicht, daß
gerade die Lehrthätigkeit ein mächtiger Hebel der geistigen Arbeit
des Forschers ist.

Die Achtung, die mir in der wissenschaftlichen Welt gezollt wurde,
war mir immer ein reicher Ersatz für das abweisende Urtheil
einer Fakultät. Oft habe ich mich gefragt, wie kann man die
Beförderung eines Gelehrten heute noch, bei der eingetretenen
Theilung der wissenschaftlichen Arbeit, von dem Urtheilsspruche einer
Fakultät abhängig machen. Wie können ein Kliniker, ein Chir-
urg (?), ein Pharmakolog, ein auf andern Gebieten arbeitender Ana-
tom oder Physiologe zu Richtern über einen Anthropologen auf-
gerufen werden! Muß man nicht den Gelehrten nach der ? Stellung
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beurtheilen, die er sich in der wissenschaftlichen Welt überhaupt er-
worben hat? In demselben Jahre 1874, in welchem ich mit mei-
nem Gesuche im Januar abgewiesen wordn war, erhielt ich im
Mai erhielt ich von dem Reichskanzler-Amte und dem Königlichen Mini-
sterium eine dringende Aufforderung dem Congress in Stockholm
beizuwohnen, damit die deutsche Wissenschaft dort „ebenbürtig“
vertreten sei.

An Wichtigkeit werden die Fächer, die ich lese, von keinem andern
übertroffen. Eine medizinische Fakultät würde sich ein Armuts-
zeugniß ausstellen, wenn sie die anthropologischen Kenntnisse
als für den Arzt gleichgültig oder entbehrlich hinstellen wollte.
Gerade heute, wo das medizinische Studium sich fast ganz von
der Universitas literarum abzulösen im Begriffe ist, sind die Fächer,
welche ich vertrete, die Enzyklopädie der Medizin, die allgemeine
und vergleichende Physiologie und die Anthropologie solche, welche auf
den Zusammenhang der Wissenschaften hinweisen und die Beziehungen
der Medizin zu den Naturwissenschaften, zur Philosophie und Ge-
schichte aufrecht erhalten. Die auf anatomische Untersuchungen be-
ruhende Anthropologie kann aber mit keiner andern Fakultät als mit
der medizinischen naturgemäß verbunden sein. Wenn man weiß,
was für diese in letzter Zeit zu so hohem Aufschwunge gelangte Wissen-
schaft in allen europäischen Landern geschehen ist, so müssen sich die
deutschen Hochschulen anstrengen, wenn sie nicht zurückbleiben wollen.
Aus dem Schooße der medizinischen Fakultät in Paris ist eine anthro-
pologische Schule hervorgegangen, an welcher acht Professoren für die

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verschiedenen Fächer dieser Wissenschaft wirken.

Seit dreissig Jahren gehören meine Vorlesungen über Anthropologie wie
die später begonnene über Urgeschichte zu den besuchtesten, die an unse-
rer Hochschule gehalten werden. Man sollte denken, daß ein Dozent, der
es in so langer Zeit nicht weiter bringt als bis zum Extraordinarius,
endlich das Vertrauen der Studirenden verlieren müsste. Mir sind
die Zuhörer aber treu geblieben, ja ihre Zahl hat sich in den letzten
Jahren noch vermehrt. Im Jahre 1879/80 war sie, wenn ich beide Semester
zusammenrechne, 221, im Jahre 1880/81: 323, im Jahre 1881/82: 234,
im Jahre 1882/83 239. Dabei ist zu berücksichtigen, daß ich keinen 
Antheil mehr an den Prüfungen habe, keine Fach… ? …, ohne ein
Laboratorium, ohne eine Sammlung bin. Es möchte wohl ohne Beispiel sein,
daß ein akademischer Lehrer 40 Jahre lang, in Ermangelung eines öffentlichen
Lehrmateriales die Gegenstände seiner Privatsammlung in seinen Taschen
mit … … bringt, um seine Vorträge zu erläutern. Daß ich
in den letzten Jahren mit Schwierigkeit eine Privat-Vorlesung zu Stande
bringe, kann dem nicht …, dem unsern Lehrverhätnisse und die Über-
bürdung des Studiums bekannt sind. Ich lese gewöhnlich zwei stündig
Publika in jedem Semester.

Zweimal hat die deutsche anthropologische Gesellschaft mich zu ihrem ersten,
fünfmal zu ihrem zweiten Präsidenten erwählt, auf sechs internatio-
nalen Congressen habe ich die deutsche Wissenschaft vertreten. Um diese meine
Wirksamkeit kümmert sich  weder die Fakultät noch das Curatorium. Ich bin fast
das älteste Mitglied unserer Hochschule, muß aber mit der letzten Stunde und dem letzten
Auditorium vorlieb nehmen, welche übrig bleiben. Jede Mitwirkung an der Verwaltung
unserer Universitäts-Angelegenheiten ist mir versagt. Ich stelle keinen Antrag mehr auf
Beförderung, aber ich muß es doch in ehrliche Erwägung  ziehen, wie ich für die Zeit, die mir
noch zu arbeiten vergönnt ist, am ersprieslichsten der Wissenschaft dienen kann. Ich bin
gesonnen, unter den obwaltenden Umständen meine akademische Thätigkeit fort-
zusetzen, habe es aber für meine Pflicht gehalten, Erw. Excellenz vorstehenen (?) Bericht
über meine akademische Laufbahn zu erstatten.
Mit vorzüglicher Hochachtung
zeichnet
gehorsmst Professor Dr. Schaaffhaus
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