Brief 1873 12 14 (Schaaffhausen an Minister)

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Brief an

Datum: 14 Dezember 1873
von: Schaaffhausen
An: Minister
Transkription von: Dr. Ursula Zängl, ZB MED


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Bonn, den 14.Dez. 
1873



Da ich mit diesem Semester das 30te
Jahr meiner akademischen Thätigkeit
an der Rheinischen Hochschule begonnen
habe, erneuere ich beim Hohen Mini-
sterium meinen Antrag auf Ertheilung
einer ordentlichen Professur in der medi-
zinischen Fakultät hierselbst.

Der mir unter dem 6 ten Februar 1873
auf ein gleichlautendes Gesuch vom 30 ten
März 1872 ertheilte abschlägige Bescheid
sowie die am 3 ten Juli dieses Jahres er-
folgte Abweisung meines Vorschlages der
Gründung eines anthropologischen Museums
hierselbst ermutigen mich zear nicht zu 
dem Entschlusse, die von mir so oft
gewünschte Verbesserung meiner aka-
demischen Stellung nun zum 12 ten male
zu beantragen, aber ich glaube, daß
die berechtigten Ansprüche des Ehrgefühls
niemals verjähren. Das hohe Ministerium
wird es nicht in Zweifel ziehen, daß ein
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Staats-Angehöriger, der die Pflichten seines
amtlichen Berufes redlich erfüllt hat,
dafür auch die übliche Anerkennung er-
warten und so lange nachsuchen darf, bis
er sie erlangt hat, zumal wenn er die
Überzeugung hegt, daß die Versagung
derselben nur in der unvollständigen Be-
richterstattung über seine Thätigkeit u.
in der nicht zutreffenden Werthschätzung
seiner wissenschaftlichen Leistungen ihren Grund
hat.

Der mir am 6 ten Februar 1873 ertheilte
abschlägige Bescheid ist auf Grund eines
Gutachtens der medizinischen Fakultät hier
selbst erfolgt. Ich gebe aber dem hohen
Ministerium gegenüber die Erwägung anheim, ob
heute, bei der großen Ausdehnung, welche
das Gebiet der Naturwissenschaften und der 
Medizin gewonnen haben, und bei der fast
zur Regel gewordenen Besetzung der einzel-
nen Fächer durch sogenannte Spezialitäten,
einem solchen Gutachten über Leistungen in
nicht bei der Fakultät vertretenen Fächer
irgend eine entscheidende Bedeutung beige-
legt werden darf. Die Fakultät, welche
ein meiner Bewerbung um eine ordentliche Pro-
fessur ungünstiges Gutachten abgegeben hat,
bestand nur aus 6 thätigen Mitgliedern,
aus einem Anatomen, dessen Spezialität
die mikroskopische Anatomie ist, einem Physiolo-
gen, der seinen Ruf seiner Untersuchungen
über die Nervenphysik verdankt, aus einem 
Arzte, dem Direktoren der klinischen Anstalte
und aus dem Vertreter der pathologischen Anatomie
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Ich muß diesen Herrn, bei aller Achtung
vor ihren Leistungen, jede Befähigung, über
meine Studien ein endgültiges Urtheil zu
fällen, absprechen und es dürfte das von ihnen
abgegebene Gutachten doch auch bei der hohen
Unterrichtsbehörde einiges Bedenken erzeugt
haben, da es mit meinem öffentlichen Rufe
als Gelehrter und als Vertreter einer neuen
Richtung in der Naturforschung in dem scheinend (?)-
sten Widerspruche steht. Sollten die Mit-
glieder einer Fakultät aber gar die von
mir vertretenen Fächer, die Enzyklopädie
der Medizin, in der ich auch eine Übersicht
der Geschichte der Medizin gebe, die Anthropo-
logie, die allgemeine und vergleichende Physio-
logie sowie die Urgeschichte des Menschen
nicht als theils wesentliche, theils höchst werth-
volle Bestandtheile eines gründlichen medizi-
nischen Studiums ansehen, so würden sie der
eigenen allgemein-wissenschaftlichen Bildung
ein Armutszeugnis ausstellen. Es hat aber
auch die Erfahrung gelehrt, daß man den
wissenschaftlichen Studienplan den Fakultäten
nicht allein überlassen kann, daß viel-
mehr die Staatsaufsicht zur Befriedigung
der mit der Zeit sich mehrenden Bedürfnisse
der Wissenschaft und zur Ausfüllung der
Lücken im Lehrkörper einzutreten hat.

Ich glaubte in meinen wiederholten Eingaben,
von denen ich namentlich die unter dem 22 ten
April 1864 und die unter dem 20 ten Februar
1867 an Seine Excellenz, den Herrn Minister
von Mühler gerichteten hervorhebe, dem hohen
Ministerium alle Mittel an die Hand gegeben
zu haben, um sich in meiner Angelegenheit
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ein eigenes, von den Ansichten einer kleinen,
die medizinische Wissenschaft darhier
nicht nach allen Richtungen vertreten-
den Fakultät unabhängiges Urtheil zu
bilden, aber ich hatte mich getäuscht.
Dem Gutachten der Fakultät werde mehr 
Glauben beigemessen, als den zahlreichen
von mir beigegebenen und für mich
sprechenden Zeugnissen. Noch einmal erlaube
ich mir, sie hier zusammenzustellen.

Die von mir vertretenen Fächer sind zu
allen Zeiten als Bestandtheile des medizinischen
Studiums angesehen worden und der Mangel
einer ordentlichen Professur für dieselben, die
statutenmäßig bei der Gründung der Univer-
sitäten vorhanden war, hat nur eine Beschä-
digung des Studiums der Mediziner zur Folge
haben können. Ist es doch hier vorgekommen,
daß sogar auf der Quästur einem Studirenden (?)
das Colleg über Enzyclopädie der Medizin
als ein überflüssiges bezeichnet worden ist,
und doch fängt in allen übrigen Fakultät-
ten das Studium mit einer Vorlesung
dieses Inhalts an. Ich darf aber über die Ein -
richtung des medizinischen Studiums viel-
leicht eher als ein Anderer das Wort
nehmen, weil ich mich während meiner akademi-
schen Laufbahn fast über alle Theile … 
nämlich auch über mikroskopische Anatomie,
spezielle Physiologie, allgemeine Pathologie
und Therapie sowie über gerichtliche Medi-
zin Vorlesungen gehalten habe und mir 
auch die ärztliche Praxis, wiewohl ich sie
berufsmäßig nicht ausübe, nicht fremd ist.
Im Kriegsjahre 1870 wurde mir hierselbst
___________
Statuten der K.Fr.Rhein. Friedr. Wilh. Univers. Bonn …18 (?)
p 17, IV, 6 und Statuten der mediz. Fakultät der K. (?)
Friedr. Wilh. Univers. in Berlin, 1838, p. 15. § 45 … (?)
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die Gründung und ärztliche Leitung eines
großen Vereinslazarethes anvertraut. Auch
werde ich seit Jahren von den rheinischen Ge-
richtshöfen in wichtigen Criminalfällen zur
Abgabe der mikroskopisch  ..ischen ? Gutachten
aufgefordert. Ich halte mich deßhalb meinen
Herrn Collegen gegenüber mit allem Rechte
für einen Mediziner. Als Naturforscher
unterscheide ich mich aber darin von ihnen,
daß mich die höchsten und allgemeinsten
Fragen der Wissenschaft stets mehr beschäftigt
haben, als die in’s Detail gehende Unter-
suchung. Dafür finde ich wohl bei ihnen ein so
geringes Verständniß meiner Arbeiten.
Und doch darf ich, wenn mir aus ganz Deutsch-
land Schädel oder andere Überreste des
Menschen der Vorzeit zur Untersuchung ein-
gesendet werden, wohl auch sagen, daß das
meine Spezialität ist und nicht die irgend
eines meiner Herrn Collegen!

Meine Thätigkeit als akademischer Lehrer
hat trotz aller mir bereiteten Hindernisse,
trotz stets erfahrener Zurückhaltung nicht
zu Grunde gerichtet werden können. Wenn
auch bei dem hier eingeführten Gebrauche, einige
der Arztvorlesungen (?) wie die über Anatomie
und Physiologie, in eine beliebige Zahl von
Privat-Vorlesungen zu zerlegen, die alle 
Zeit und alle Mittel der Studirenden
in Anspruch nehmen, es für den ausserhalb
der Fakultät stehenden und an den Prüfungen
nicht mehr beteiligten Dozenten sehr schwierig
wird, ein gut besetztes Privat-Colleg zu
stande zu bringen, so sind doch meine
öffentlichen Vorlesungen, an denen der Zuhörer
nur aus freiem Interesse für die Sache Theil
nimmt, immer noch zu den am meisten

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besuchten an unserer Hochschule zu rechnen,
und zu denen, welche auch von einer größeren
Zahl von Theilnehmern aus den gebildeten Kreisen
der Stadt besucht zu werden pflegen. Es spricht
auch wohl nicht gegen meine Befähigung zum
Lehramt, wenn ich von den Vereinen, die in
den rheinischen Städten einen Cyklus von
Vorlesungen einrichten pflegen, zur Mit-
wirkung aufgefordert werde. Im letzten Win-
ter sind mir von 9 rheinischen Städten solche
Einladungen zugegangen.

Was meine literarischen Leistungen betrifft,
so habe ich freilich keine Lehr- und Hand-
bücher geschrieben, sondern das Ergebniß
meiner Forschungen in Abhandlungen nieder-
gelegt, die meist in Zeitschriften erschienen
sind. Ich erlaube mir ein Verzeichniß der-
selben dieser Eingabe beizulegen. Einige
davon sind in das Französische und Englische
übersetzt worden. Auch haben sie mir die Mit-
gliedschaft von 8 gelehrten Gesellschaften erworben,
ohne daß ich eine solche je beantragt hätte.
Seit 1845 bin ich Mitglied der Niederrhein.
Gesellschaft für Natur- und Heilkunde, seit 1863
auswärtiges M. der Anthropolog. Gesellschaft
in Paris, seit 1864 Mitgl. der W…ischen (?)
Gesellschaft für Naturkunde, sowie der Sencken-
bergischen Naturforscher-Gesellschaft, seit 1868
Ehrenmitglied der Anthropologischen Gesellschaft
in London, seit 1869 ordentliches Mitglied
der Gesellschaft nordischer Alterthumsforscher
in Kopenhagen, seit 1871 korrespond. Mitgl.
des Vereins für mecklenburgische Geschichte und
Alterthumsforschung, seit 1873 M. d. Kais.
Leopold. Carolin. deutschen Akademie der Natur-
forscher. Im Jahre 1872 wurde ich zum Präsiden-
ten der deutschen anthropologischen Gesellschaft
erwählt. In Vereinigung mit namhaften

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Gelehrten Deutschland bin ich Gründer und 
Mitherausgeber einer geachteten Zeitschrift,
des Archivs für Anthropologie. Wenn in
den Schriften bedeutender Forscher, wie in denen
von Lyell, Darwin, Huxley und Anderer
meiner Arbeiten gedacht wird, so geschieht
es stets mit Anerkennung. Bei den großen 
deutschen Naturforscher-Versammlungen ist
mir und nicht einem meiner Herrn Collegen
mehrfach in der ehrendsten Weise die Ein-
ladung zu Theil geworden, in einer der öffent-
lichen Sitzungen als Redner aufzutreten
und bei den internationalen Congressen
für meine Fachstudien wird mir in der
Regel eine Ehrenstellung in dem sogenannten
Conseil eingeräumt.

Ich muß es nun freilich dem hohen Minister-
ium überlassen, zu entscheiden, ob sol-
chen Thatsachen gegenüber, wie ich sie hier
zusammengestellt habe, noch das mir ent-
gegenstehende Gutachten der Herren Professoren
M. Schultze, Pflüger, Rühle, Busch, Veit
und Rindfleisch, die weder mit den Gegen-
ständen meiner Forschung vertraut sind, noch
ihrem Werth für die akademische Bildung
sowie meine Befähigung  zum akademischen
Lehramt irgendwie in Anschlag zu bringen
scheinen, noch, wie ich allen Grund habe
zu glauben, von meinen literarischen Ar-
beiten irgendeine genaue Kenntniß be-
sitzen, ein Hinderniß sein kann, mir
die meiner langjährigen Wirksamkeit an
der hiesigen Hochschule entsprechende Stellung
endlich zu bewilligen. Indem ich Ew. 
Excellenz einige meiner Abhandlungen
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zu überreichen mir erlaube, von denen
möglicher Weise einzelne sich bereits
in Ew. Excellenz Händen befinden, zeich-
net mit der ergebensten Bitte, den
Inhalt dieser Eingabe einer eingehenden
höchst eigenen Prüfung gütigst unter-
ziehen zu wollen,

Hochachtungsvoll
und gehorsamst

Professor Dr. H. Schaaffhausen
Geh. Med. Rath
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Verzeichniß von Druckschriften des Professor Dr. H. Schaaffhausen.

1, De vitae viribus. Dissertatio inauguralis. Berlini 1839.

2, Über die Forschritte der mensvhlichen Bildung. Deutsche Vierteljahresschrift. 1848
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18, Die anthropologischen Fragen der Gegenwart
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