Brief 1871 12 15 (Schaaffhausen an von Mühler)

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Brief an

Datum: 15 Dezember 1871
von: Schaaffhauen
An: von Mühler
Transkription von: Dr. Ursula Zängl, ZB MED


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Bonn, den 15ten Dezember 1871


Hochgeehrrter Herr Minister!

Es sind jetzt fünf Jahre verflossen, seit Ew. Excellenz mir zu
verstehen gaben, daß Sie meinem Wunsche, eine ordentliche Professur
hierselbst zu erlangen, nicht abgeneigt seien, mir aber den Rath
ertheilten, meine zerstreut in Zeitschriften erschienenen wissenschaftlichen
Abhandlungen in einem Buche zusammenzustellen. Das ist nun freilich
immer noch nicht geschehen, aber ich kann mit nicht einreden, daß
ein so geringfügiger Umstand, der dem Werthe meiner Arbeiten
nicht das Mindeste hinzufügen würde, auf die Entscheidung Ew.
Excellenz fortdauernd einen bestimmenden Einfluß haben sollte.
Der Tod des hier verstorbenen Geh. Rath. Naumann, in Folge dessen
ich das zweitälteste Mitglied der Fakultät bin, ruft mir aber
wieder lebhaft in das Gedächtniß, daß alle ähnlichen Ereignisse,
die doch sonst Veranlassung zur Beförderung der jüngeren Lehrkräfte
sind, an meiner unvortheilhaften Stellung wirkungslos vorrüber-
gegangen sind. Es liegt mir fern, allem dem, was ich zur
Begründung meiner Bewerbung um eine ordentliche Professur in
früheren Eingaben und zuletzt unter dem 8ten August 1869 dem
Hohen Ministerium vorgestellt habe, noch etwas hinzuzufügen,

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aber ich möchte in sachlicher Beziehung, weil ich es für meine Pflicht halte,
Ew. Excellenz gegenüber noch einmal meine Überzeugung ausprechen, daß
die Zurücksetzung der Fächer, die ich vertrete, dem Gedeihen der medizini-
schen Studien nur zum Nachtheile gereichen kann. Die Vorlesungen, welche
ich in meiner langen akademischen Laufbahn hier gehalten habe über mikro-
skopische Anatomie, spezielle Physiologie, allgemeine und vergleichende Physiologie
Enzyklopädie und Geschichte der Medizin, Anthropologie, organische Physiologie
allgemeine Pathologie und Chirurgie, gerichtliche Medizin und Urgeschichte
des Menschen umfassen zwar den größten Theil der medizinischen Studien
überhaupt, aber auch gerade diejenigen Fächer, die zu allen Zeiten als der
die übrigen Disziplinen vermittelnde und die Beziehungen der Medizin
zu den andern Wissenschaften darlegende Lehrstoff betrachtet worden sind.
Welcher Name einer mir zu ertheilenden Professur zu geben wäre, kann,
wie ich glaube, dem Hohen Ministerium keine Schwierigkeiten bereiten. Die gegen-
wärtige Besetzung der hiesigen medizinischen Fakultät mit den ordentlichen
Professuren für Anatomie, Physiologie, pathologische Anatomie und für die
z.  ? 3 ? klinischen Fächer kann gewiß nicht als eine ausreichende betrachtet
werden; ihre Ergänzung muß aber als ein dringendes Bedürfniß
erscheinen, denn es ist eine bekannte Erfahrung, daß alle Fächer, welche
in der engeren Fakultät nicht vertreten sind, beim Studium nothwendig
eine Vernachlässigung erfahren. Es ist soweit gekommen, daß durch die
Ausdehnung gewisser Spezialfächer, die aber allein den künftigen Arzt
noch nicht machen, die allgemeine wissenschaftliche Bildung der Medi-
ziner, welche die Universität verlassen, tief unter derjenigen steht,
welche dieselben sich vor 25 Jahren noch anzueignen wußten. Die Ver-
bindung der medizinischen Fakultät mit der Universität erscheint als ganz

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überflüssig und besteht fast nur dem Namen nach. Der heutigen Mediziner
hört keine andern Vorlesungen mehr als die, worin er geprüft wird; die
Verbindung seiner Wissenschaft mit den übrigen scheint keinen Werth mehr
zu haben und doch beruht auf dieser gemeinsamen Grundlage der gerühmte
Vorzug der deutschen gelehrten Bildung und die bisherige Blüthe unserer
Universitäten. Eine mit den besten Spezialforschern besetzte medizinische
Schule kann nicht das Gleiche leisten.

In diesem Augenblick kommt meinem Gesuche vielleicht der Umstand zu-
statten, daß das Staatsbudget einen Mehrbetrag von 80,000 Thl.
für die Universitäts-Professoren auswirft. Ich habe, wie Ew. Excellenz
bekannt sein wird, 20 Jahre lang gar kein Ggehalt bezogen, seit
1864 erhalte ich 300 Thl. Gehalt, bei dessen Ertheilung das Hohe Mini-
sterium selbst das Ungenügende dieser Besoldung hervorgehoben hat.
Alle und zumal die naturwissenschftlichen Studien sind in unserer Zeit
durch reichliche Bewilligungen für Sammlungen und Institute bedacht
worden; die meinigen sind bisher leer ausgegangen und ich habe alles
Lehrmaterial, welches für die Naturwissenschaften unentbehrlich ist, aus
eignen Mitteln herbeischaffen müssen. Wenn ich unter den von mir
vertretenen Fächern eines hervorheben sollte, für welches ich zunächst eine
Unterstützung wünschen muß und welches ich meinen hiesigen Fachgenossen
gegenüber als meine Spezialität bezeichnen darf, so ist es die Anthropo-
logie, eine Wissenschaft, die ihrer Aufgabe nach den meisten andern
Fächern vorgestellt und nicht nachgesetzt werden sollte, die aus dem Studium 
der Heilkunde sich entwickelt hat und mit dem ganzen Wissen und Wirken
des Arztes in der nächsten Beziehung steht. Wie aber hätte ich es
wagen können, einen lange gehegten Plan, die Gründung einer anthropo-
						logischen
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Museums in Vorschlag zu bringen, da es mir nicht beschieden war, für
mein persönliches Wirken die erwünschte Anerkennung zu erlangen.
Wiewohl meine Lebenserfahrung dagegen zu sprechen scheint, so bin ich doch
noch stets der Ansicht, die auch gewiß von Ew. Excellenz getheilt wird,
daß das Haupterforderniß für den akademischen Lehrer darin besteht,
daß er die umfassende und vollstädigste Kenntniß derjenigen Fächer be-
sitzt, über die er Vorlesungen hält und daß er zugleich befähigt ist, seine
Zuhörer durch einen anregenden Vortrag zu fesseln; die schriftstellerische
Thätigkeit kommt erst an zweiter Stelle in Betracht. Was aber diese
angeht, so sind es nicht die dicken Lehr- und Handbücher, welche dem
Fortschritte der Wissenschaften die Bahn bra (e?)chen, sondern in kleinen Abhand-
lungen wurden oft die nichtigsten Fragen der Forschung ihrer Lösung näher
gebracht. Da ich nun auf eine unter ungünstigen Verhältnissen
mit beispielloser Ausdauer fortgesetzte 27 jährige, erfolgreiche akademi-
sche Thätigkeit hinweisen kann, auch meine literarischen Arbeiten mir
gewiß nicht zur Unehre gereichen und da endlich das Hohe Ministerium
die Wichtigkeit der von mir vertretenen Fächer nicht unterschätzen
wird, so lege ich mein Gesuch noch einmal vertrauensvoll Ew.
Excellenz Entscheidung vor

und zeichne
hochachtungsvoll und gehorsamst
Professor Dr. Hermann Schaaffhausen

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