Brief 1869 08 13 (Schaaffhausen an von Mühler)

Aus ZB MED - Themenportal
Wechseln zu: Navigation, Suche

Brief an

Datum: 13 August 1869
von: Schaaffhausen
an: von Mühler
Transkription von: Dr. Ursula Zängl, ZB MED



1869 08 13 Scan121.png
Bonn, den 13ten August 1869



Mit dem Ablauf dieses Sommer-Semesters
kann ich es nicht unterlassen, bei dem hohen
Ministerium mein Gesuch um Erlangung
einer ordentlichen Professur in der medizi-
nischen Fakultät hiesiger Universität zu
erneuern, indem ich bei jedem Zeitabschnitte
meiner nun 25 jährigen akademischen Thätig-
keit an die so oft vergeblich erwartete
Verbesserung meiner Stellung auf das Empfind-
lichste erinnert werde. Zu den seit einer
Reihe von Jahren von mir vorgebrachten,
meine Person betreffenden Gründen für die
gewünschte Beförderung scheue ich mich nicht,
meine Beweise der öffentlichen Anerkennung,
die mir zu Theil geworden sind, beizubringen.
So hat die anthropologische Gesellschaft in
London, deren correspondirendes Mitglied
ich war, im Laufe des verflossenen Jahres
sich bewogen gefunden, mich zu ihrem Ehren-
mitglied zu ernennen. Ebenso darf ich es
als eine Ehre betrachten, daß der im

1869 08 13 Scan122.png
vorigen Jahre in Bonn abgehaltene inter-
nationale Congreß mich zum Vorsitzenden
seiner ersten Sektion für Urgeschichte gewählt
hat. Meine zuletzt geschriebenen, in einer Fest-
schrift für das Jubiläum der Bonner Universi-
tät erschienene und zugleich französisch ge-
druckte Abhandlung: „über die Urform des
menschlichen Schädels“ wurde sogleich nach ihrem
Erscheinen, wie andere meiner Arbeiten, auch 
in das Englische übersetzt. Wie man in
Frankreich meine anthropologischen Arbeiten
beurtheilt, dafür darf ich auf einen Artikel
des Akademikers Lévègne in der Revue
de deux mondes, 1 Juin 1869 verweisen.
Endlich erwähne ich, daß auch im verflossenen
Winter noch die Zahl meiner Zuhörer
über 100 betragen hat.

Ich füge aber diese Thatsachen, die ich
Ew. Excellenz gerechter Erwägung anheim-
gebe, noch eine Betrachtung hinzu, die ich
dem hohen Ministerium vorzulegen für
meine Pflicht halte, weil sie die Einrichtung
des medizinischen Studiums an unserer
und an anderen Hochschulen betrifft.
Seit dem Jahre 1854, also seit 15 Jahren,
ist mir das Amt eines Examinators in
den Naturwissenschaften beim Schlußexamen
der medizinischen Staatsprüfung anvertraut.
1869 08 13 Scan123.png
Ich habe den Vorsitzenden unserer Examinations-
Commission in Bonn fast in jedem Jahre auf-
gefordert, in seinem Berichte den mangelhaften
Zustand des Wissens in den meiner Prüfung ob-
liegenden Fächern bei den in das praktische Leben
eintretenden Ärzten zu schildern. Mit Genug-
thung vernahm ich, daß, da auch von andern
Orten … an Ew. Excellenz dieselben Vorstellungen
gelangt sind, bereits eine Schärfung der Ver-
pflichtungen über die ersten Prüfungen in den Natur-
wissenschaften angeordnet wurde. Für mich ist 
diese Erfassung (?) umso peinlicher, als ich mich
der Mittel beraubt sehe, in einer eindringlicheren
Weise eine dem Bedürfniß entsprechende Ein-
wirkung auf die Methode des medizinischen
Studiums auszuüben. Die Fortschritte in den
praktischen Fächern der Heilkunde und der Zuwachs
der von dem Mediziner geforderten Kenntnisse
überhaupt haben es leider dahin gebracht, daß
das Studium vorzugsweise den bevorstehenden
Prüfungen angepaßt, daß aber der wissenschaft-
liche Geist, der über das Ganze der ….er-
scheinungen nachzudenken und sich zu belehren
bestrebt ist, nur noch ausnahmsweise gefunden 
wird. Das medizinische Studium ist in Gefahr,
in eine blose Abrichtung auszuarten, dann
ist aber die Medizin nicht mehr eine Wissen-
schaft, sondern ein Handwerk. Ich muß einen
Widerspruch darin finden, daß mir die Über-
wachung der naturwissenschaftlichen Bildung
1869 08 13 Scan124.png
unserer Mediziner am Schlusse ihres Studiums über-
tragen ist, daß mir aber als Extraordinarius nicht die
geringste Mitwirkung in der Anordnung des Lehrplans
und andre akademischer Einrichtungen, sowie in der
Verwaltung der allgemeinen Interessen der Hochschule zu-
steht. Ich wiederhole, daß durch eine für die von
mir vertretenen Fächer ertheilte ordentliche Pro-
fessur, wie sie an den meisten deutschen Universitäten
besteht und auch in den Statuten unserer Hochschule
bei ihrer Gründung vorgesehen ist, der Lehrstoff für 
die Studirenden der Medizin nur auf die nützlichste
und ersprießlichste Weise bereichert sein würde.
Welche Fächer wären geeigneter, dem Studirenden
eine vielfältige und auf allen Seiten für den
künftigen ärtzlichen Berufe entsprechende tüchtige
Ausbildung zu sichern, als die Enzyklopädie in
Verbindung mit der Geschichte der Medizin, die
allgemeine und vergleichende Physiologie, die
allgemeine Pathologie und die Anthropologie!
Ew. Excellenz haben schon so oft den wahren
Interessen der Wissenschaft Ihre einsichtige
Unterstützung zu Theil werden lassen, daß
ich die Hoffnung nicht aufgeben kann, Ew. 
Excellenz von der Wahrheit meiner Vor-
stellung überzeugen zu können. Wenn die-
jenigen, deren nächste Pflicht es wäre, meinen
Ansprüchen gerecht zu sein, dazu, wie es scheint,
keinen Antrieb fühlen, so wird dem hohen
Ministerium die von mir geschilderte Sachlage
1869 08 13 Scan125.png
doch nicht gleichgültig sein. Wenn in allen
Kreisen des staatlichen Lebens die Zünfte mit
ihren engherzigen Erwägungen haben fallen 
müssen, so dürfen dieselben in der wissenschaft-
lichen Laufbahn eines Gelehrten, wie ich glaube,
noch am allerwenigsten ein letztgültiges Ur-
theil oder eine maßgebende Entscheidung für
sich in Anspruch nehmen. Ew. Excellenz haben
noch kürzlich gezeigt, daß Sie die Anerkennung
einer akademischen Wirksamkeit an unserer
Hochschule durch Ertheilung einer ordentlichen
Professur unter Umständen weder von dem Gut-
achten der Fakultät noch selbst von einer
literarischen Thätigkeit abhängig machen.
Da ich nun nach 25 jähriger akademischer
Wirksamkeit durch die Erfolge meiner Lehr-
thätigkeit, die sich auf 2800 Zuhörer erstreckte,
durch meine schriftstellerischen Arbeiten, durch
die Wichtigkeit der von mir vertretenden Fächer
allen Anforderungen zur Erlangung einer
unabhängigen Stellung längst genügt zu haben
glaube und mir nicht vorzustellen vermag, daß 
ein fortdauerndes Hinderniß der Erfüllung
meines Wunsches entgegensteht, so sehe ich
einer günstigen Verfügung des hohen Mini-
steriums mit um so größerer Zuversicht ent-
gegen, als mir im verflossenen Jahre bereits eine
mich ehrende Auszeichnung durch Ew. Excellenz zu Theil
geworden ist.
Mit vorzüglicher Hochachtung
zeichnet gehorsamst
Prof. Dr. H. Schaaffhausen, Geh. Med. Rath
Meine Werkzeuge