Brief 1867 02 20 (Schaaffhausen an Minister)

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Brief an

Datum: 20 Februar 1867
von: Schaaffhausen
An: Minister
Transkription von: Dr. Ursula Zängl, ZB MED



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361.

Bonn, 20. Februar 1867

Ew. Excellenz

Erlaube ich mir mit Bezugnahme auf die mir am 25 ten Ok-
Tober 1865 in Berlin gütigst gewährte Unterrednung mein Ge-
Such um Verbesserung meiner amtlichen Stellung an hiesi-
Ger Universität noch einmal zu erneuern. Ich sehe mich
Um so mehr dazu veranlasst, als meine akademische Thätigkeit
Mir gerade in diesem Semester trotz der mir seit vielen
Jahren widerfahrenenen Zurücksetzung einen erfreulichen Er-
satz für die von anderer Seite entbehrte Anerkennung bietet,
indem die Zahl meiner Zuhörer nahe 200 beträgt, von denen
44 auf meine Priva vorlesung über Anthrologie kommen, die ich
in jeden Winter halte. Da die Frequenz der medizinischen Fa-
kultät unserer Hochschule seit einigen Semestern eine auffal
lende Vermehrung zumeist durch junge Mediziner erfahren hat s
so darf ich, da diese mit wenigen Ausnahmen die genannten
Vorlesungen bei mir hörendoch wohl auch ein geringes Verdienst
Mir zuschreiben. Wohl erinnere ich mich des von Ihnen geäu-
Sserten Wunsches, ich möchte in Jahresfrist die von mir in
Zeitschriften erschienenen Aufsätze und Abhandlungen in ei-
Nem Buche sammeln; aber nur der Umstand, dass für die Wieder-
Abdruck einiger kürzlich erschienenen Ausätze, die ich von
Der Sammlung nicht gern ausschliesse, Die Einwilligung der
Verleger im abgelaufenen Jahre nocht nicht zu erlangen war,
hat diese meine Absicht bis jetzt nicht zur Ausführung
kommen lassen. Man sollte mir aber durchaus keinen Vorwurf
machen, das ich bis her nicht in grösseren Werken sondern in
kleineren Schriften die Ergebnisse meiner Forschungen nieder-

Verf,v,26,Oct,1912
B,Nr.1659 UI.UIK
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Gelegt habe, weil meiner akademischen Wirksamkeit die Sparsam-
Keit in literarischen Arbeiten nicht zum Schaden, sondern nur
zum Vortheil gereichen konnte. Ich berufe mich nicht in dieser Hin-
sicht gern auf das Urtheil eines berühmten Mannes, des Nestors
der deutschn Physiologen, Carl Ernst von Baer, der in seiner
1865 erschienenenSelbstbiographie die Bemerkung macht: „ soll
ich sagen, worin man auch deutschen Universitäten, so weit ich
sie kennen lernte, nicht selten gefehlt hat, so muss ich be-
kennen, es hat mir erschienen, dass man zuweilen die wissen-
schaftlichen Erfolge über den Eifer und die Befähigung im Un-
terrichte setzt. Für den eigentlichen Zweck der Universitäten
sollte die Lehrgabe doch eigentlich mehr gelten.“
Wenn ich nun auchzunächst auf die Erfolge meiner langjährige n
Lehrthätigkeit hinweise, so bin ich doch im Stande, Zeugnisse d
Dafür anzuführen, welche Beurtheilung meine literarischen Ar-
beiten bei Gelehrten ersten Ranges gefunden habe. Dr, Broca
schreibt mir am 26. Nov. 1863 im Auftrage der Anthropologischen
Gesellschaft in Paries, die mich zu Ihrem auswärtigen Mitgliede
Ernannt hatte:“ elle est fiere de ponvoir desormais compter
an nombre de ses membres un homme, qui sest signale par tent
de trovanxutiles et quia a contribue avec tant de succes aux pro-
gris de l’ antropologie.“ Wenn Ch. Darwie, Ch. Lyellund Ch. H.
Huxley in ihren letzten Epoche machenden Werken meiner Arbeiten
rühmend gedenken, so darf ich mir das gewiss zur Ehre anrechen,
indem meine Forschungen vor ihnen zu wichtigen Ergebnissen für
die von Ihnen nach anderen Richtungen fortgesetzten Untersuchu-
chungen gelangt waren. Huxley sagt in einer späteren Abhandlung
( nat. hist. Review, Juli 1864) nachdem er meines früheren Col-
legen hierselbst, des Geh. Rath Mayer Ansichten über den be-
treffenden Gegenstand widerlegt hat: „obgleich Prof. Schaaffhau-
sen die Genauigkeit einer meiner Angaben und Schlüsse auf eine weit

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gefährliche Weise angegriffen hat als Prof. Mayer, so würde
ich einen grossen Missgriff begehen, wenn ich anders als mit
Hochachtung die Ansichten des sorgfälltigenund geistvollen
Beobachters behandelte, dem wir es zu danken haben, dass er
Zuerst den jetzt so berühmten Schädel zur Kenntnis der Anato-
Men gebracht hat. „ G. Nicolneci, Mitglied der K. Akademie
In Neapel, Verfasser der trefflichen Arbeit über den ligu-
Rischen Volksstamm, schreibt mir am 18. Sept. 1865: „je vois
Avec complaisance lr nombre des amis de l’antrhopologie s’a-
Grandir je jour en jour. Cette science firira pour absorbes
L’elite des savants qui, dedie jusqu’a present aux etudes
Des formes inferieures des animanx, onthrop neglige celui
Plus noble de L’etre lplus eleoe de la creation. Vous de votre
Cote, Monsieur, avez contrubue beaucoup a repandre l’amour de
L’etude de la science nouvelle. Vos travaux justement celebres
Ont elargi l’horizon de nos connaissances et je ptendre avec
Loie l’occasion pour vous temoignes toute mon estime et mon 
Devoument.“ J. Molesctott erwiedert mir auf die Mittheilung
Meiner Untersuchungen über die Urzeugung am 27. Dec. 1863:
„mein wissenschaftliches Interesse an Ihrer Arbeit möchte ich
heute mit der Bitte bekunden, mir es zu gestatten, eine 
deutsche Bearbeitung des Gegenstandes meiner Zeitschrift ein-
zuverleiben u.s.w.“ Bei einer ähnlichen Veranlassung
schrieb mir der ehrwürdige Carus am 24. Nov. 1869 aus Dresden: „ mit
Dnk für die sehr erwünschte Sendung freue ich mich abermals
Einen umsichtigen und bedeutenden Gelehrten für die wichtige
Lehre von der Symbolik der menschlichen Gestallt gewonnen zu
Sehen.“ Dass es mir auch an andern Beweisen der Hochachtung
Hervorragender deutscher Gelehrten nicht gefehlt hat
Geht wohl daraus hervor, dass Männer wie C. von Baer und der ver-

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verstorbene Rudolph Wagner mit mir und wenigen anderen
Gelehrten über die Gründung einer deutschen Gesellschaft
für Anthropologie verhandelten, in Folge welcher Berathungen
später eine deutsche Zeitschrift das Archiv für Anthropo-
logie, gegründet wurde. Auch aus letzter Zeit kann ich noch
von einer mir bewiesenen Anerkennung berichten. Nachdem
bei der letzten Versammlung deutscher Naturforscher und 
Aerzte in Hannover, welche im Sept. 1865 statt fand, ein
Antrag Virchows zum Beschluss erhoben wurde, dahin lautend, 
dass künftig nach dem Beispiel der englischen Gelehrten-
versammlungen in den allgemeinen Sitzungen bedeutende Män-
ner der einzelenen Fächer für die Hauptrichtungen der Na-
turforschung es übernehmen sollten, über den Stand ihrer
Wissenschaft Bericht zu erstatten, wurde mir alsbald am
24 t Jan.1866 von dem ersten Geschäftsführer der nächsten 
Versammlung in Frankfurt a/M., unserm ersten Paläretologen
Hermann von Meyer die Aufforderung zu Theil, einem solchen
Vortrag aus dem Bereiche meiner Forschungen übernehmen zu
Wollen. Da aber die Versammlung im vergangenen Jahr der
Politischen Ereignisse wegen ausgesetzt werden musste, so
Wurde meine Zusage für dieses Jahr in einer für mich ehren-
Vollen Weise auf das Neue erbeten.
Es kann mir solchen Zeichen der Anerkennung gegenüber, die
Die mri von allen Seiten aus dem In und Ausland zugegan-
Gen sind, diesich aber gar nicht auf meine akademische 
Wirksamkeit sondern nur auf meine litterarische Thätig-
Keit beziehen, in der That das Urtheil meiner Fakultätsge-
Nossen ganz gleichgültig sein, aber ich muss wünschen, dass
dasselbe nicht fortdauernd die Ursache meiner zurückge-
setzten amtlichen Stellungen ist, und darf erwarten, dass aus
den von mir beigebrachten Thatsachen und Belegen, deren

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Zusammenstellung ich zwar nicht ohne ein gewisses Wieder-
Streben gemacht, aber doch nach dem Sprichworte: non fit
Injuria nisi volenti für meine Pflicht gehalten habe, Ew.
Excellenz die Ueberzeugung gewinnen werden, dass ich nichts
Unbilliges verlange, wenn ich nicht allein für meine Per-
Son, sondern auch für die Wissenschaft, die ich vertrete,
die Stelleung eines ordentlichen Mitgliedes dieser Univer-
sität beantrage. Die oberste Unterrichtsbehörde kennt
höhere Rücksichten für das akademische Studium und für die
Förderung der Wissenschaften, als sie oft in der beschränk-
Ten Auffassung zunftmässig geschlossener Fakultäten zu 
Finden sind. Wenn Ew. Excellenz nicht eine neue Professur
Für Antrhopologie an der Bonnder Hochschule gründen wollen,
so würden die von mir vertretenen Fächer der  an vielen
Universitäten, früher auch hier bestehenden Professur
der Medicin entsprechen, welche nach Ausschluss der Ana-
tomie, Physiologie, Arzneimittellehre und der klinischen
Fächer alle übrigen Theile des medicinischen Studiums in
Sich begreift.
	Einer geneigten Entscheidung entgegensehend
	zeichnet hochachtungsvoll und gehorsmast
	(gez.) Professir Dr. Hermann Schaaffhau-
						sen.

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