Brief 1866 01 10 (Marie Schaaffhausen an v. Mühler)

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Brief an

Datum: 10 Januar 1866
von: Marie
An: Mühler
Transkription von: Dr. Ursula Zängl, ZB MED



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Hoch geehrter Herr Minister!

Zuerst muß ich wohl die
Freiheit entschuldigen, daß ich, ein Kind,
mich mit meiner Bitte an Ew. Excellenz
wende, aber ich sehe es als meine
Pflicht an! Aus der Unterschrift werden
Sie erfahren haben, wer ich bin und wohl
auch was mein Verlangen ist. Glauben
Sie aber nicht, daß ich im Auftrage
meiner Eltern oder Verwandten an Sie
schreibe; nein, sie ahnen es nicht, und
ich thue es einfach aus mir selbst.
Ich setze mich sogar durch diesen 
Brief den größten Unannehmlichkeiten
aus, wenn diese ? Person erführe, daß ich
an Sie, Herr Minister, schreibe und
es hat doch keinen Nutzen davon
getragen, glauben Sie nicht, daß ich Lob-
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ärnten würde, nein Tadel, bittere
Tadel. Aber ich vertraue auf Ihre Güte,
auf Ihre Freundlichkeit, Exzellenz.- Papa spricht
nie mit uns Kindern von dergleichen
Sachen, aber ich habe so neben bei
erfahren, um was es sich handelt und –
Exzellenz Sie entschuldigen den Ausdruck –
es empörte mich! Ich glaube zwar, nicht,
daß Sie die Schuld haben, daß der Papa
fast zwanzig Jahre außerordentlicher Professor ist,
daß er fast zwanzig Jahren Gesundheit
und Zeit für eigentlich nichts und wieder
nichts opfert! Aber, wenn auch andere
Herren nicht gerne sehen, daß Papa
ordentlicher Professor wird, haben Sie, als
Minister denen nicht zu befehlen, dass
es doch Recht und Gerechtigkeit ist?
Oder hat Papa vielleicht nicht Kenntnisse
genug dazu? Exzellenz, ich glaube doch
und auch Sie wissen, daß nicht jeder
ordentliche Professor solch besitzt. Aber
er wird es vielleicht nicht, weil er
katholisch ist? Ja, das sind wir! aber
ist das ein Grund, daß der Papa in
seiner Stellung bleibt? Sind denn die
Katholiken in Erfüllung ihrer Aemter
nicht so treu, nicht so gewissenhaft, wie

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die Protestanten?

Excellenz, ich schreibe, wie ich denke, und
was ich für meine Pflicht halte, und ich
hoffe, daß meinen Bitte nicht unerhört bleiben
wird. Excellenz, Sie haben vielleicht auch
eine Tochter in meinem Alter, denken Sie 
sich in diese Lage, daß auch Sie etwas
von Jemandem dringend wünschten, der
höher stände als Sie und zwar etwas
was Sie verdient hätten, und ihre Tochter
bäte für Sie. Später erführen Sie, daß
auch die Bitte Ihres Kindes umsonst ge-
wesen sei, mit welchen Gefühlen würde
Sie das erfüllen? - - -

Es ist möglich, daß Sie bei Ihren vielen
Geschäften nur eben meinen Brief angesehen
und als Sie wußten um was es sich
handelte ihn vielleicht als Bettelbrief zur
Seite gelegt haben. Aber nein Excellenz
keine Bettelbriefe schreibe ich, ich will nur
thun, was Kindespflicht mir gebietet.
Erfüllen Sie meinen Wunsch nicht, Excellenz,
so haben Sie keine Furcht, daß ich Sie
durch eine Flut von Briefen belästigen
werde, aber dann haben Sie die
Kindesliebe mit Füßen getreten, denn
es steht in Ihrer Macht meine

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Bitte zu erhören! Thun Sie es aber
trotz Allem nicht, gut so erfüllen Sie
mir doch diesen meinen letzten Wunsch
und erwähnen Sie nie, am allerwenigsten
gegen Papa meines Briefes, Excellenz. Doch
ich vertraue auf Sie, hochgeehrter Herr
Minister, gewiß Sie erfüllen meine drin-
gende Bitte! Meine drei Brüder, die
älter wie ich sind, dienen auf verschiede-
ne Weise dem Staat, ist es zur Er-
munterung für sie, wenn sie sehen, wenn
die Katholiken für ihre Mühen belohnt
werden? - Gewähren Sie mir aber
meinen Wunsch, so lassen Sie es mich
seyn, die dem … die frohe Nachricht
bringt! Wenn Sie so gut sein wollen
Excellenz, so geben Sie mir bitte recht
bald Antwort, und zwar unter meiner
Adresse: Marie Schaaffhausen. Habe ich bis
Februar noch nichts gehört, so sehe ich alle
Mühe für unnütz an und ich werde mich
fassen können. Nochmals um Verzeihung
meiner Unbescheidenheit bittend, zeichnet
hochachtungsvoll

Marie Schaaffhausen

Bonn, 10 Januar 1866
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Seine Excellenz Herrn
von Mühler
hochwohlgeboren 
in
Berlin
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