Brief 1865 11 25 (Kurator Beseler an v.Mühler)

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Brief an

Datum: 24 November 1865
von: Kurator Beseler
An: von Mühler
Transkription von: Dr. Ursula Zängl, ZB MED



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Bonn, den 24ten November 1865
Abgegangen eodem
den außerordentlichen Professor Dr.
Schaaffhausen betreffend


Ew. Excellenz halte ich mich ver-
pflichtet Folgendes ganz gehorsamst zu be-
richten.

Wenige Tage nach dem Tode des ordent-
lichen Professors in der medicinischen Facul-
tät Geheimen Medicinal Raths Dr. Mayer
stellte sich der außerordentliche Professor Dr.
Schaaffhausen bei mir ein, und richtete
an mich die Frage, ob ich es für ange-
messen hielte, daß er sich aufs Neue
mit einer Bittschrift an Ew. Excellenz
wende, ihm das Ordinariat in der
gedachten Facultät zu verleihen. Ich
bezog mich auf das nach Anhörung
der medicinischen Facultät erlassene
hohe Reserigt (?) vom 15ten September c
No 18.172 - . Der H. Schaaffhausen 
ergoß sich nun in einer Fluth leiden
schaftlicher Selbstüberhebung, wie mir
Aehnliches selbst in Bonn kaum je-
mals vorgekommen ist. Auf das Ur-
theil der Facultät gäbe er gar nichts;
abgesehen von dem Geheimen Medicinal
Rath Dr. Naumann sei kein Mitglied
				der


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derselben fähig, ihn in seinen wissen-
schaftlichen Leistungen zu beurtheilen;
es wären Männer mit dem engen Ge-
sichtskreis ihres Fachs, über den seine Ver-
dienste um die Königin der Naturwissen-
schaften, die Anthropologie, weit hinaus-
ragten. Sein Name sei ein europäi-
scher und entziehe sich der Critic der
Bonner Facultät, die aus schmutzigen
Motiven seinen Eintritt zu verhüten
suche; diese Motive wären Neid gegen
ihn, weil er als reicher Mann unab-
hängig sei, und Habsucht, weil man
nicht wolle, daß die Facultäts-Gebühren
verkleinert würden. Er theilte mir
ferner mit, daß er in Berlin ge-
wesen sei, um persönlich Ew. Excellenz
seine Beschwerden vorzutragen. Auf 
meine Frage, ob er denn nicht die
Gelegenheit wahrgenommen habe, bei
den Berliner Gelehrten, die jeden-
falls vollkommen unparteiisch wären,
sich anerkannte Gutachten zu
verschaffen, wieß er ein solches
Verfahren mit Rücksicht auf seinen
europäischen Namen weit von sich;
er habe Ew. Excellenz dagegen erklärt,
daß, wenn man fortfahre, ihn mit

				solcher
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solcher Rücksichtslosigkei zu behandeln, er
sich veranlaßt sehen werde, die Uni-
versität zu verlassen. Er sprach schließlich
seine Absicht aus, den Todt des H. Mayer
zu benutzen, um einen letzten Versuch
bei Ew. Excellenz durch Einsendung einer
Bittschrift zu machen, und fragte, ob er
dieselbe durch das Curatorium solle
gehen lassen, worauf ich erwiderte,
daß es ihm frei stehe, den einen
oder anderen Weg zu wählen. Da
mir nichts weiter von der Angelegen-
heit zur Kunde gekommen ist, muß
ich annehmen, daß der H. Schaaff-
hausen sein in Aussicht gestelltes
Gesuch direct an Ew. Excellenz ge-
richtet hat.
Derselbe hatte mir einige Beweis-
thümer vorgelegt, um mir einen Be-
griff von der europäischen Motorietät (?)
seines großen Namens zu geben. Ich
ersuchte deshalb die Professoren Dr. Schultze
und Dr. Pflueger mir für die Beur-
theilung dieser Beweisthümer Beistand
zu leisten. Die Documente bestanden
in einem Schreiben eines Giustiniano
Nicoluci aus Isola di Lora, worin
der Addressant dem H. Schaaffhausen
				
				wegen
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wegen seiner Verdienste um die
Anthropologie Glück wünscht. Der Na-
me des Ersteren war beiden Professoren
unbekannt.

Es war mir ferner vorgelegt ein
Band der Verhandlungen der Societé
d’Anthropologie zu Paris, worin an
mehreren Stellen der von dem H. Schaaff-
hausen, membre associé der Gesellschaft,
gelieferte Beschreibung des im Nean-
derthal gefundenen Menschenschädels
rühmliche Erwähnung geschieht. Die 
Existenz dieser Gesellschaft war den
Herrn bekannt, ebenso daß dieselbe
in französischer Weise mit der augen-
blicklich gangbaren Debatte über das
Verhältniß des Menschen zum Affen
Staat macht. Auch kannten sie die
erwähnte Beschreibung des fraglichen
Schädels und wußten, daß mehre
Personen solche Beschreibungen
geliefert hätten, deren Namen
in keiner andern Beziehung dem
wissenschaftlichen Publicum bekannt
geworden wären.

Endlich hatte der Schaaffhausen
sich bezogen auf einen vor einigen
Monaten erschienenen Prospectus

			einer
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einer zu gründenen deutschen Zeit-
schrift für Anthropologie, die acht Be-
gründer dieser Zeitschrift, unter denen
auch der H. Schaaffhausen aufgeführt 
ist, tragen theils bekannte, theils un-
bekannte Namen. Der H. Schultze
und der H. Pflueger sprachen sich dahin
aus, daß sich über dieses Unterneh-
men natürlich gar kein Urtheil
fällen lasse, solange nur dessen
Prospectus vorläge; was speciell
der H. Schaaffhausen für die Zeit-
schrift leisten werde, gehöre eben-
falls der Zukunft an.

Nach einer eingehenden Be-
sprechung der wissenschaftlichen Tüch-
tigkeit und der Lehrthätigkeit des
H. Schaaffhausen bin ich in meiner
oft ausgesprochenen Ueberzeugung
nur bestärkt worden, daß sein Be-
sitz für die Universität von mehr
als zweifelhaftem Werth ist. Sein
Wissen ist ein durchaus oberflächliches
und encyklopädisches; sein Geist ist
steril und nicht zum Forschen und
Entdecken angelegt; trotzdem, daß er
sich behufs ungestörter litterarischer
Thätigkeit einen halbjährigen Urlaub
	
				hat
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hat geben lassen, hat er es zu keinem
Buche gebracht; seine Lehrvorträge sind
geradezu gefährlich, weil sie sich weit
entfernen von der streng wissen-
schaftlichen Methode, die hier in den
Vorlesungen der medicinischen
Facultät forscht, und sie sind um
so gefährlicher, als ein Publicum
von vorzugsweise rheinländischen
Studirenden eine gewisse Neigung
hat, sich lieber angenehm unter-
halten zu lassen als den Schweiß
an die Wissenschaft zu setzen.




Der Königliche Curator der hiesigen Universität.
Beseler


Königlichen Staats- und Minister
der geistlichen Unterrichts und
Medicinal-Angelegenheiten,
Herrn Dr. von Mühler
Excellenz
in 
Berlin



No. 1631
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