Brief 1865 04 20 (Kurator an Minister)

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Brief an

Datum: 20 April 1865
von: Kurator
An: Minister
Transkription von: Dr. Ursula Zängl, ZB MED



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Gesuch des außerordentlichen Professors in
der medicinischen Fakultät Dr. Schaaffhausen
eine Verleihung einer ordentlichen Professur
betreffend



In Folge haben ….. vom
3.ten … Mts No. 4138 habe ich die medicinische
Fakultät aufgefordert, über das hierbei zurück-
gesandte Gesuch des außerordentlichen Professors
in der medicinischen Fakultät Dr. Schaaff-
hausen um Verleihung einer ordentlichen
Professur sich gutachtlich zu äußern. Ew.
Excellenz habe ich die Ehre den Bericht der
Fakultät nebst zwei …-Voten des
Dekans Geheimen Medicinal-Rath Dr.
Naumann und des Geheimen Medicinal-
Rath Dr. Mayer ganz gehorsamst vorzu-
legen.
Sofort nach meinem Antritt des Kuratoriums
der Universität zu Anfang des Jahres 1861
sprach mich der Petent (?) den lebhaften Wunsch
aus, daß ich dem Königlichen Ministerium
vortragen möge, es sei gegen ihn ein
vieljähriges Unrecht begangen, indem er
noch immer nicht zum ordentlichen Professor
ernannt sei; derselbe Wunsch ward mir
von dem z(?) Naumann und von einigen nicht
				zur
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zur Universität gehörigen angesehenen
Männern entgegengetragen, die nicht unter-
ließen es hervorzuheben, daß der z. Schaaff-
hausen einer angesehenen katholischen Fa-
milie des Rheinlandes angehöre und daß
es einen verstimmenden Eindruck mache,
denselben noch immer in einer untergeord-
neten Stellung in der Hochschule zu sehen.
Nachdem ich mich über die Persönlichkeit und
wissenschaftliche Signität (?) des z. Schaaffhau-
sen gewissenhaft informirt hatte, konnte
ich in dem Bericht vom 24ten Juni 1861 be-
treffend die Ernennung von ordentlichen Pro-
fessoren der Heilmittellehre und Diagnostik
sowie der pathologischen Anatomie mich
dahin aussprechen, wie ich es aus allgemeinen
Gründen für durchaus wünschenswerth halte,
daß dem z. Schaaffhausen ein Gehalt be-
willigt werde; in Betreff des von dem z.
Naumann angeregten Beförderung des-
selben zum ordentlichen Professor äußerte
ich wörtlich dahin: „ So angenehm (?) es mir
aber auch sein würde, den achtbaren und
liebenwürdigen Mann zum ordentlichen Pro-
fessor vorschlagen zu können, so ist mir dies
doch bei der wenig günstigen Beurtheilung,
welche seine kleinen Schriften und seine
				Vor-

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Vorlesungen bei den Fachgenossen mit
Ausnahme des z. Naumann gefunden habe,
unmöglich. Was letzterer ihm als Verdienst
anrechnet, nämlich die Fähigkeit, die von
anderen gewonnenen wissenschaftlichen
Reultate zusammenzufassen und übersicht-
lich und leicht verständlich in gewandter
Rede vorzutragen, wird von seinen
übrigen Kollegen als Mangel an strenger
Schule und wissenschaftlicher ….
tion betrachtet. Ich habe daher dem z.
Schaaffhausen meine Ueberzeugung
nicht vorenthalten, daß ich mich nicht veran-
laßt sehe dürfte, ihn zum ordentlichen
Professor vorzuschlagen, so lange es nicht ein
größeres wissenschaftliches Werk über
einen begränzten Gegenstand behufs
seiner Legitimation zum ordentlichen
Mitglied der Fakultät geliefert habe
und dieses von dem zur Beurtheilung
conzetanten (?) Publicum günstig auf-
genommen sei.

Bei den wiederholten Versuchen des
z. Schaaffausen mit über seine Stel-
lung zu den medicinischen Wissenschaften
und zu der Universität eine andere
Ueberzeugung zu gewähren, hielt ich diese
			Po-
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Position ihm gegenüber fest, was ihn
dann auch bewog, sich ein Semester von
den Vorlesungen dispensiren zu lassen -
Referiert vom 14ten April 1862 No 7672 -
um ein größeres wissenschaftliches Werk zu
schreiben, von dessen Erscheinen aber bisher
nichts verlautet hat.

Meine dem Königlichen Ministerium in
dem angezogenen Bericht über den z. Schaaff-
hausen vorgetragenen Ansicht hat sich seitdem
nur befestigen können; mit Ausnahme des
z. Naumann wird er von der medicini-
schen Fakultät in allen streng medicini-
shen Wissenschaften als Dilettant betrach-
tet, der die für ein ernstes Studium
gefährliche Kunst besitzt, die wissenschaftli-
che Anstalt zu verwässern und zu ver-
dünnen, ohne Laien langweilig zu wer-
den. Er besitze nämlich das im Rheinland
häufiger als sonst irgendwo in Deutsch-
land vorkommende Talent, in ansprechen-
der Form wenig zu sagen, und dieses 
Talent ist einem Publicum rheinländi-
scher Studirenden gegenüber umso mehr
zufürchten, je conzenialer die Zuhörer
dem Vortragenden sind, je ernster und
unerbittlicher letztere in die Schule genom-
			men
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men werden müßten, um den Schweiß
an die Wissenschaft zu setzen. Ich kann
ohne Uebertreibung sagen, daß die Fakul-
tät, deren active Mitglieder überaus
urtheilsfähige Männer sind, es als ein
Unglück für die Korporation (?) und das
medicinische Studium ansehen würde,
wenn Ew. Excellenz den Petenten zum
Ordinarius beförderten.

Der Bericht dürfte Ew. Excellenz die
Richtigkeit dieser Behauptung bestätigen.
Derselbe ist allerdings in schonender Form
gegen den Kollegen abgefaßt, spricht
aber unverständlich genug die Ueberzeu-
gung aus, daß der z. Schaaffhausen
überhaupt keine wissenschaftliche Bedeu-
tung habe, daß er auf keinen Fall
für die medicinische Fakultät als
Ordinarius zu verwenden sei, für
keines der vielen Fächer, für welche 
er sich anbietet.

Ich muß aufrichtig gestehen, daß ich
dem Saparat-Votum des z. Naumann,
des eifrigen Protectors des z. Schaaff-
hausen, dem Gutachten der Fakultät
gegenüber keine Bedeutung beilegen
kann. Der Vergleich mit Schönlein
			scheint

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scheint mir wenig glücklich gewählt;
welchen wissenschaftlichen Werth die
Untersuchungen des z.Schaaffhausen
über menschliche Schädelformen haben,
muß ich der Fakultät zu beurtheilen
überlassen. Der z. Mayer gelangt
in seinem Votum dahin, denselben
auf Grund dieser Untersuchungen zu
einem Ordinariat für Anthrozologie und
Ethnologie in der philosophischen
Fakultät vorzuschlagen. Um eine
Bereicherung der Lehrkräfte dieser Fa-
kultät handelt es sich hier aber nicht.




der Königliche Kurator der hiesigen Universität
……(?)


An
den Königlichen Staats- und Minister des geistlichen
Unterrichts und Medicinal-Angelegenheiten,
Herrn Dr. von Mühler
Excellenz
in 
Berlin


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