Brief 1865 04 05 (Naumann an v. Mühler)

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Brief an

Datum: 05 April 1865
von: Naumann
an: v. Mühler
Transkription von: Dr. Ursula Zängl, ZB MED



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Separat-Votum des Professors
Naumann zu dem Gutachten
der medicinischen Fakultät vom
5ten April d. Jahres das Gesuch des
Professors Schaaffhausen um
eine ordentliche Professur betref-
fend



Hochgebietender Herr Minister,
Ew. Excellenz



Der gehorsamst Unterzeichnente
erlaubt sich, einige von der Ueberzeu-
gung seiner Kollegen abweichende
Anschauungen Ew. Excellenz …
langt vorzulegen. Derselbe hält sich
zu diesem Schritte nicht allein für be-
rechtigt, sondern er glaubt überdieß,
nach der Regeler (?) der Billigkeit, zu
ihm verpflichtet zu sein, wenn er
auch manchen Gründen, mit denen 
das Fakultäts-Gutachten das Gesuch des
Professors Schaaffhausen zurückzu-
weisen unternimmt, seine Zustimmung,

			nicht

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nicht versagen kann.

Allerdings würde es dem Pro-
fessor Schaaffhausen eine günsti-
gere Empfehlung gewesen sein, wenn
er als Verfasser einer größern
bereichert gewordenen literarischen Ar-
beit sich hätte geltend machen können.
Indessen lehrt die Erfahrung, daß die
gelehrten Schriftsteller nicht immer
als gute Docenten sich ausgezeichneten
während umgekehrt Männer, von
denen nur kleine Arbeiten vorliegen,
durch eminentes Lehrertalent Schüler
anzuziehen vermochten. Ich nenne
beispielsweise nur den berühmten Pro-
fessor Kielmeyer in Tübingen, der
kaum einige Bogen drucken ließ
und gleichwohl als der Lehrer vieler
der berühmten Zoologen und Physio-
logen Deutschlands und des Auslandes 
(Cuvier war sein Schüler) mit Recht
gepriesen wird. Wie wenig der aca-
demische Ruf Schönlein’s von liter-
arischen Leistungen abhängig war,
ist allgemein bekannt.

Ich kann nicht zugeben, daß Pro-
fessor Schaaffhausen lediglich ein

			…

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compilatorisches Talent besitze, und daß
er demgemäß das von Andern er-
forschte Material auf eine anzeihende
Weise, in populärer Darstellung vor-
zutragen verstehe. Seine anatomisch-
physiologischen Forschungen über mensch-
liche Schädelformen haben allgemeine
Anerkennung gefunden; er wird in
diesem Gebiete als Autorität allge-
mein anerkannt, und zwar von 
Männern wie Lyell, Owen, Milne-
Edwards, Quatrefages, Carus,
von Cotta, Wagner, von Baer
(beide bereits todt), Welcker (in Halle).
Ich wüßte nicht, welche Beweise für
wissenschaftliche Befähigung man noch
zu fordern berechtigt wäre!

Die wissenschaftlichen Vorträge,
welche Professor Schaaffhausen in
den Sitzungen der niederrheinischen
Gesellschaft für Natur- und Heilkunde
zu halten pflegt, üben, des schönen
schöneren Vortrages und der … Beweis-
führung wegen, eine große Anziehungs-
kraft aus.

Seine Erfolge als Lehrer im Ge-
biete der Anthropologie und der

		Physiologie
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Physiologie (namentlich ihres algemeinen
Theiles) sind nicht gering anzuschlagen.
Das Verdienst ist anzuerkennen, wel-
ches aus der Masse von anscheinend
zum Theil streitigen und widersprechen-
den Thatsachen, eine befriedigende Ueber-
sicht des wirklichen Sachverhaltes auszu-
scheiden vermag. Die meisten Kandida-
ten der …. sind nicht als geniale
und wohl nur in der Minderzahl als
wirklich talentvolle Individuen zu be-
trachten. Für ihre Bedürfnisse ist es
ausreichend, wenn ihnen der physiolo-
gische Grundwahrheiten, in anziehen-
dem Vortrage, als die unmittelbaren
Fundamente für die richtige Beurthei-
lung pathologischer Thatsachen dargestellt
werden.

Daß derselbe (Hr. Sch.) deshalb nicht eigentlich im
Sinne und zum Vortheile der medici-
nischen Fakultät thätig ist, wird durch 
einen Blick auf seine Vorlesungslisten
unwiderleglich nachgewiesen. In dem
eben verflossenen Semester zählte
er in der Enzyclopädie der Medicin
48 Zuhörer, obgleich er das Kolleg als
Privatvorlesung gehalten hatte; was

			er (?)
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in der Regel nicht zu geschehen pflegt.
Daß fast die Hälfte seiner Zuhörer in
der Anthropologie aus Medicinern
besteht, würde mit Leichtigkeit durch Ver-
gleichung der Listen festzstellen sein.

Nachdem ich bewiesen zu haben glaube,
daß Professor Schaaffhausen zu den-
jenigen Docenten der medicinischen
Fakultät gehört, deren Vorlesungen sehr
zahlreich besucht werden, nachdem mit
hin sein fördernder Einfluß auf das
wissenschaftliche Studium nicht in Zwei-
fel gezogen werden darf, so sehe ich
in der That nicht ein, warum derselbe
eine ordentliche Professur nicht bean-
spruchen dürfte. Sollte er ihrer wür-
dig befunden werden, so würde er
gewiß gern auf den erbetenen Nomin-
nal Professur verzichten, und über
dieß mit einer so bescheidenen Erhöh-
ung seiner Besoldung sich begnügen,
daß der Fonds der medicinischen Fakul-
tät keine wesentliche Gefahr drohen
könnte. Nebenbei würde es einen
guten Eindruck in der Provinz ma-
chen, wenn ein, einer angesehe-
nen, katholischen Familie angehörender

		Docent
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Docent der Huld der Regierung
sich zu erfreuen hätte.

Mit tiefster Erfurcht verharre ich
Ew. Excellenz



gehorsamster
Dr. Moritz Naumann







An 
den Königlichen Staats- und
Minister der geistlichen Unterrichts
und Medicinal-Angelegenheiten
Herrn Dr. von Mühler
Excellenz
in
Berlin
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