Brief 1865 04 05 (Fakultät an v. Mühler)

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Brief an

Datum: 05 April 1865
von: Fakultät
an: v. Mühler
Transkription von: Dr. Ursula Zängl, ZB MED



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Bonn, den 5ten April 1865



Hochwohlgeborener Hochgebietender
Herr Staatsminister,
Ew. Excellenz



beehrt sich die medicinische Fakultät
über den Antrag des Herrn Pro-
fessors Dr. H. Schaaffhausen in
Folgendem ganz gehorsamst Bericht
zu erstatten.

Wir verkennen durchaus nicht,
daß es für Herrn Professor Dr. H.
Schaaffhausen sehr schmerzlich sein
muß, nach so langer Wirksamkeit
an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-
Universität weder hier noch auswärts
bei einem Alter von 49 Jahren zu
einem Ordinariate gelangt zu sein.
Seit einer Reihe von 41 Semestern hat
derselbe hier stets einer anerkennenden
Theilnahme Seitens der Studirenden

		sich
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erfreuen gehabt. Nicht min
der wußte er durch seine Bildung,
Ernsthaftigkeit der Gesinnung und
Bescheidenheit die Achtung aller seiner
Kollegen und Mitbürger sich zu er-
werben. Die Mitglieder der unter-
zeichnenden Fakultät haben fast alle
Gelegenheit gehabt, in den Sitzun-
gen der niederrheinischen Gesellschaft
für Natur- und Heilkunde die ….
te und geschmackvolle Form des von
Herrn Professor Dr. Schaaffhausen
gehaltenen Vorträge aus eigener
Erfahrung kennen zu lernen. Wie
zahlreich aber auch die von Studiren-
den unserer Fakultäten gehörten
meist populären Vorträge des Herrn
Professor Dr. Schaaffhausen frequen
tirt und wie schätzbar sie namentlich
den Studirenden der anderen Fakult-
täten sein mögen, so kann die medici-
nische Fakultät doch nicht anerkennen,
daß diejenigen medicinischen Fächer,
welche derselbe liest, in ihrem Kreise (?)
hinreichend vertreten sind.

Die Neubegründung einer besond?
ren ordentlichen Professur für Staats-

		arzneimittelkunde
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arzneikunde würde sich unseres Erach-
tens nur durch die gleichzeitige Ueber-
tragung des hiesigen Kreisphysikates
an den für das Lehramt in Aus-
sicht genommenen Gelehrten und die
Verleihung beider Aemter an einen
auch als praktischer Arzt besonders
ausgezeichnetet Manne rechtferti-
gen lassen. Hiernach können wir 
die Beförderung des Herrn Professors
Dr. Schaaffhausen nicht als eine Maß-
regel empfehlen, durch welche ein in
der Fakultät vorhandenes Bedürfniß
seine Befriedigung fände. Sie wird
auch nicht durch wissenschaftliche Leis-
tungen des Petenten von hervorra-
gender Bedeutung geboten. Andere
Gründe aber, welche dieselbe als nütz-
lich erscheinen lassen könnten, stehen
nicht zu unserem Ermessen. Da ferner
die Neubegründung eines besonderen
Ordinariats für Herrn Prof. Dr.
Schaaffhausen ohne Erhöhung des für
die medicinische Fakultät ausge…
fassen Etats nicht denkbar ist, so kön-
nen wir eine solche um so weniger
befürworten, als die Fakultät sehr

		dringende
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dringende und bedeutende Geldopfer
verlangende Bedürfnisse hat, welche
sich auf den Neubau der Anatomie
und der klinischen Institute beziehen,
andere ebenfalls nothwendigen ver-
stärkte Motivierungen nicht zu geden-
ken. Vielleicht wird auch schon die
Wiederbesetzung des Lehrstuhls der
pathologischen Anatomie, welche bei
dem jetzigen Stande der wissenschaft-
lichen Medicin entschieden einen Ge-
lehrten in der Stellung eines Ordi-
narius verlangt, wenn nicht durch
Erhöhung des etatsmäßigen Gehaltes,
so durch Vermehrung des Instituts-
fonds die Bewilligung einer Geld-
mittel erfordern. Wir theilen in die-
ser Hinsicht die Ansichten des Herrn
Professor Dr. H. Schaaffhausen nicht.

Ob nun die Wirksamkeit des Herrn
Petenten als Lehrer der Studirenden
anderer Fakultäten es wünschenswerth
macht, ihm eine seinen bisherigen ge-
lehrten Leistungen entsprechende Stel-
lung in der philosophischen Fakultät
zu geben, bez… durch die Grün-
dung einer besonderen Professur

				für
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für Anthropologie und Ethnologie
gehört nicht vor unser Forum.

Die gehorsamst unterzeichnete
medicinische Fakultät der Königli-
chen Rheinischen Friedrich Wilhelms-
Universität bedauert aus den an-
gegebenen Gründen mit Bezug auf
die Person des Herrn Professor Dr.
H. Schaaffhausen lebhaft, das ihr
mitgetheilte Gesuch desselben vom
14ten Februar a.c. Ew. Excellenz nicht
empfehlen zu können.

Wir verharren in tiefster Ehrfurcht
Ew. Excellenz
gehorsamste Assessoren der medicini-
schen Fakultät

Naumann, als z. Decan mit Beziehung auf sein
anliegendes Separat-Votum
Pflüger z.Z. Prodecan 

Mayer mit Separatvotum. Dr. M. ?. Weber
G.Veit. M. Schultze
Rühle. Albers ….

Ich erlaube mir zu bemerken, daß Herr G.M.R.
Mayer durch Erkranken abgehalten war, sein Separat-
Votum zur rechten Zeit einzusenden, sich daher vorbehält,
daßelbe direct nach Berlin abgehen zu lassen.

Außerdem bemerke ich auch, daß der zur Zeit ab-
wesende Herr Prof. Busch dem Gutachten der Facultät
vollständig beigetreten ist.
Dr. M. Naumann
Decan der medicinischen Facultät.

An
den Königlichen Staats- und Minister
der geistlichen Unterrichts- und Medicinal-
Angelegenheiten, Ritter pp.
Herrn Dr. von Mühler
Excellenz
in
Berlin

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