Brief 1864 04 22 (Schaaffhausen an Minister)

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Brief an den Minister

Datum: 22.04.1864
von: Schaaffhausen
An: Minister
Transkription von: Dr. Ursula Zängl, ZB MED
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Erw. Exzellenz

werden es gestatten, wenn der Unterzeichnende, der mit dem Ablaufe des bevor-
stehenden Sommerhalbjahres zwanzig Jahre das akademische Lehramt an der Rheinischen
Friedrich Wilhelms Universität ausübt, über seine mit seiner Lehrtätigkeit im grellsten
Wiederspruch sich befindene Stellung an der Hochschule eine Vorstellung an Sie zu richten
wagt. Ich halte es sogar für meine Pflicht, die höchste Staatsbehörde nicht im Ungewissen
darüber zu lassen, wie ich selbst die mir während einer so langen Zeit wiederfahrenden
Zurücksetzung beurtheile. Ein von mir vor 4 Jahren an das Ministerium gerichtetes
Gesuch um Beförderung zu einer ordentlichen Professur ist von der Fakultät nicht unter-
stützt worden;  ebensowenig hat aber das Ministerium, als die Fakultät zwei Jahre
früher eine Anerkennung für mich in Vorschlag brachte, diesem Folge gegeben.
Ich habe, seit den Händen Ew. Exzellenz die Leitung des Unterrichtes in unserem Staate
anvertraut ist, es unterlassen, Ihre Aufmerksamkeit für mich in Anspruch zu nehmen,
weil ich gehofft hatte, es würde die Fakultät, deren Vortheil es doch ist, die be-
wärten Lehrkräfte in ihren engern Kreis aufzunehmen oder es würden die Beamten
des Ministeriums, die zum Theil persönlich von meiner Lage unterrichtet sind, für mich
das Wort nehmen. Als nach langer Vakanz die Stelle eines Curators an unserer
Universität wieder besetzt wurde, durfte ich erwarten, daß etwas für mich geschehe.
Der Herr Curator, Geheimrath Beseler, unterhielt sich bald nach seinem Eintreffen
hierselbst in der freundlichsten Weise mit mir über mein Verhältniß zur Universi-
tät und gab mir seine Verwunderung darüber zu erkennen, daß ich unbesoldeter
professor extraordinarius sei, während ich so lange der Universität angehöre und
die Zahl meiner Zuhörer eine so bedeutende sei. Ich sah einer Änderung meiner
ungünstigen Stellung mit Sicherheit entgegen. Die von mir vertraulich geforderte
Erklärung, ob es mir mehr auf das Geld oder mehr auf eine ordentliche Pro-
fessur ankomme, hat nur die Folge gehabt, daß keines von beiden mir zu Theil
geworden ist. Sollte die Fakultät vielleicht meiner Beförderung nicht günstig ge-
stimmt sein? Wenn dieselbe vor 10 Jahren mich werth gefunden hat, eine
ausserordentliche Professur zu bekleiden, wie kann sie jetzt meine wissenschaftliche
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Befähigung in Zweifel ziehen wollen! Hat doch der Minister von Bethmann-Hollweg
es öffentlich erklärt, daß er in wissenschaftlicher Beziehung einen Rangunterschied zwischen
ordentlichen und ausserordentlichen Professoren gar nicht anerkenne. Sollte die Fakultät
es vergessen, daß zur Blüthe der Universitäten  die Befähigung zum Lehren, wie sie
nur aus der umfassenden und genauesten Fachkenntniß hervorgehen kann, die Haupt-
sache ist - denn, wäre es sie nicht, so könnten wir die Hörsäle schliessen und die
Studirenden auf die Bücher verweisen - so, meine ich, müsste die Staatsbehörde ein-
treten, um Gerechtigkeit zu üben und Abhülfe schaffen, wenn einem Mitgliede des
Lehrkörpers, welches thatsächlich einen Theil der Ausbildung der Studirenden in Händen hat, dieselbe
vorenthalten wird. Die Versicherung, welche mir von Beamten des Ministeriums mehr-
fach mündlich gegeben worden ist, man erkenne meine Thätigkeit an, aber es seien die
Mittel nicht da, meine Wünsche zu befriedigen, hat endlich aufgehört für mich eine
Beruhigung zu sein. Seit meiner akademischen Wirksamkeit sind durch Sterbfall die
Gehälter von vier ordentlichen Proffessoren meiner Fakultät, Harless, Nasse, Bischoff 
und Wutzer, für welche neue Berufungen nicht statt gefunden haben, flüssig geworden,
wobei doch sonst nach einer Regel der Billigkeit die jungen Lehrkräfte bedacht zu werden
pflegen; auch sind in der letzten Zeit der Universität fast jedes Jahr neue Fonds
zugewiesen, es sind viele Gehalte verbessert worden, aber für meine jetzt zwanzig-
jährigen Thätigkeit ist nie etwas übriggeblieben!  Wer so lange sein Wissen und
Können dem öffentlichen Unterrichte gewidmet und sich den Beifall und das Vertrauen
der Studirenden zu erhalten gewußt hat - im letzten Semester betrug die Zahl
meiner Zuhörer 94 - von dem kann man weder behaupten, daß er sein Licht unter
den Scheffel stellt, noch daß seine Wirksamkeit auf Zufall oder Täuschung beruhe.
Wer nur einigermassen die Universitätsverhältnisse kennt, weiß, mit welchen Schwierig-
keiten der zu kämpfen hat, welcher nicht Zuhörer einer ordentlichen Professur eines
der Hauptfächer seiner Wissenschaft ist, auf welchem dann die Zuhörer oft ohne Wahl
sich angewiesen sehen, und wird zugeben müssen, daß das Verdienst ein größeres ist,
wenn es gelingt, ohne diese Hülfe sich eine Wirksamkeit zu schaffen und zu erhalten.
Muß ich auch vorzugsweise auf meine Vorlesungen, als auf meine wissenschaftlichen
Arbeiten hinweisen, so kann ich doch auch auf meine literarischen Erzeugnisse mit
Befriedigung blicken. Es sind freilich nicht dicke Lehr- und Handbücher der Fächer,
die ich lehre, sondern kleine Abhandlungen, deren Werth kein Kenner der Wissen-
schaft nach der Seitenzahl bemessen wird. Das Maaß der literarischen Thätigkeit

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muß aber dem freien Willen eines jeden Forschers überlassen bleiben, der das Lehramt
zu seinem Berufe gewählt hat; auch fallen in meinen Verhältnissen manche Beweggründe
weg, durch die sich andere Forscher bestimmen lassen, die Arbeit ihres Geistes so bald als mög-
lich auf den literarischen Markt zu werfen. Meine Abhandlung „über Beständigkeit
und Umwandlung der Arten“ ist die einzige deutsche Arbeit, welche Darwin in seinem berühmten
Buche über den Ursprung der Art, als nach gleichem Ziele strebend anführt, sie ist 7 Jahre früher
erschienen und beantwortet diese wichtigste aller Fragen, wie ich glaube, in einer richtigeren Weise
als die Darwin’sche Theorie. Das Urtheil des Seniors meiner Fakultät, des Geheimen Rathes Mayer
lautet darüber: „ ich finde, daß die so viel Aufsehen auch in Deutschland erregende Theorie
Darwins mit Ausnahme der Idee natürlicher Züchtung mit ebenso großer Belesenheit
als Beredsamkeit bereits 1853 von Prof. Schaaffhausen vorgetragen worden ist.“ Mein
in Müllers Archiv 1858 erschienener Aufsatz: „Zur Kenntniß der ältesten Rassenschädel“
wurde sogleich wegen seiner Wichtigkeit für die Alterthumsforschung in den Jahrbüchern
des Vereins für Mecklenburgische Geschichte wieder abgedruckt, dann von Prof. Busk
in London für die Natural History review ins Englische übersetzt. In der ganzen neueren
Literatur über das Alter des Menschengeschlechtes, in den Werken von Lyell, Huxley, Vogt
und A. wird die Wichtigkeit der von mir bekannt gemachten Untersuchungen gewürdigt.
Als im Jahre 1861 die Herren von Baer und Rudolph Wagner einen anthropologischen Congreß
nach Göttingen beriefen, war ich der einzige preussische Gelehrte, der dazu eine Einladung
erhielt. Meine Beobachtungen über die Urzeugung, deren Bedeutung allgemein aner-
kannt zu sehen, ich getrost der Zukunft überlasse, haben, so kurz die Mittheilungen
daüber sind, Aufsehen erregt und in den neuesten Schriften über diesen Gegenstand von
Pouchet, Joly und Musset wird darauf Bezug genommen. Im Juni 1863 hat mich
die Anthropological Society in London zu ihrem Foreign Local Secretary, und im
November desselben Jahres die Société d’Anthropologie in Paris zu ihrem auswärtigen
Mitgliede ernannt. So darf ich behaupten, daß meine schriftstellerische Thätigkeit
selbst im Auslande nicht ohne Anerkennung geblieben ist, während dieselbe mir in
meiner amtlichen Stellung weder Ehre noch Nutzen gebracht hat.
Bedenke ich, daß ich nun bald 20 Jahre lang dem öffentlichen Unterrichte an einer
Staatsanstalt Kräfte und Zeit gewidmet und in meiner Laufbahn fast nur Hinder-
nisse und Zurücksetzung anstatt Förderung und Anerlennung gefunden habe, so
muß ich, wenn auch meine Verhältnisse mir gestattet haben, alles dieses ruhig
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hinzunehmen und mich in meiner Pflichterfüllung nicht beirren zu lassen, doch das
Geständniß ablegen, daß diese Betrachtung die traurigste Erfahrung meines Lebens ist.
Aber ich sollte nicht noch einmal vergebens die Gerechtigkeit an der Stelle anzurufen,
von wo sie gegen mich geübt werden kann. Die staatlichen Einrichtungen müßten sehr
unvollkommen sein, wenn Ew. Exzellenz nicht durch den Bericht der Ihnen unterstellten
Beamten die Bestätigung alles dessen, was ich hier schreibe, sollten erfahren können.
Auch bin ich der Meinung, daß, wenn das hohe Ministerium, von meinen Gründen
überzeugt, den ernsten Willen hat, mir eine meiner Lehrthätigkeit entsprechende Stellung
an unserer Hochschule zu geben und diese seine Absicht durch das Curatorium der
Fakultät kund gibt, diese ihre Zustimmung nicht wird versagen können.
Indem ich, auf meine im Jahre 1860 an den Staatsminister von Bethmann-Hollweg 
gerichtete Eingabe mich beziehend, hiermit das Gesuch mir eine besoldete ordentliche
Professur erneuere und Ew. Exzellenz gerechter Prüfung anheimgebe, wobei
ich eine Uebersicht meiner literarischen Arbeiten zu Erw. Exzellenz Kenntnißnahme
beizulegen mir erlaube, zeichnet
mit vorzüglicher Hochachtung
gehorsamst
Professor Dr. Hermann Schaaffhausen
Bonn, den 22.ten April
1864
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Schriften des Prof. Dr. H. Schaaffhausen in Bonn

„De vitae viribus“, Dissertatio inauguralis. Berlini 1839.
„Über den Fortschritt der menschlichen Bildung“. Deutsche Vierteljahresschrift 1848.
„Über Natur und Gesittung der Völker.“ ebendaselbst 1850.
„Die Verbreitung des organischen Lebens auf der Erde“. ebendaselbst 1853
„Über Beständigkeit und Umwandlung der Arten“. Verhandlungen des natur-
			historischen Vereins der preuss. Rheinlande und Westphalens X 1853.
„Über die Hautfarbe des Negers und die Annäherung der menschlichen Gestalt an die
Thierform“. Amtlicher Bericht der Naturforscherversammlung zu Göttingen 1854
„Über Schlaf und Traum“. Morgenblatt 1855. No.35 u. 36.
„Über Beziehungen der Natur zur Kunst“. Morgenblatt 1855 No. 52
„Über die Entwicklung des Menschengeschlechtes und die Bildungsfähigkeit seiner Rassen“.
	Amtlicher Bericht der Naturforscherversammlung zu Bonn 1857.
„Über die ältesten Rasseschädel“. Müllers Archiv 1858
„Über den Zusammenhang der Natur- und Lebenserscheinungen“. Amtlicher Bericht
		der Naturforscherversammlung in Carlsruhe 1858
„Über die Kunst gesund zu leben“. ein Vortrag. Bonn 1860
„Resumé des recherches sur la generation spontanée. Cosmos, revue encyclop. Paris
									1863

			Kleinere Mittheilungen:
„Über Nerventheilung (?) in den Muskeln und über das Verhältniß der Elektrizität zur
	Nervenkraft“   Amtlicher Bericht über die Naturforscherversammlung zu Aachen. 1847
„Über die Phrenologie“ Sitzungsbericht der niederh. Gesellschaft. Kölner Zeit 2 Aug. 1852
„Über das Tischrücken“ Köln. Zeitung 17 April 1853
„Über Hirn und Seele“ Verhandlungen des naturhist. Vereins 1854
„Über die Grenzen des Thier und Pflanzenreichs, ebendaselbst 1855
„Über das Vorkommen fossiler Menschenknochen, ebendaselbst 1855
„Über künstliche Entwicklung der Froschlarven", ebendaselbst 1856
„Über einen rothen Pilz auf Kleister“. ebendaselbst 1856
„Auffindung der Monae (?) Okenii bei Bonn“. ebendaselbst 1858
„Über die in einer Kulthöhle (?) des Neanderthales gefundenen menschlichen Gebeine“.
				ebendaselbst 1857
„Über den Schädel dieses Skeletes, über primitive und künstlich entstaltete Schädelformen“.
				ebendaselbst 1857
	


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„Über den Bau des Rückenmarkes“, Verhandlungen des naturhist. Vereins 1857.
„Über die Nervenendigungen … Muskeln“ Amtlicher Bericht der Naturforscherversammlung
					in Bonn 1857.
„“Über Algenpapie Amtlicher Bericht der Naturforscherversammlung in Wien 1858.
„Über den Bau der Muskelfasern“.  Verhandlungen des naturhist. Vereins 1858.
„Johannes Müller, Nekrolog. Kölnische Zeitung 2 Juni 1858.
„Über alte Schädel Norddeutschlands und über geschwänzte Menschen“ Verhandl. 1858.
„Über einen fossilen Menschenschädel von Bamberg“. Verhandl. des naturhist. V. 1859.
„Über eine eigenthümliche Metamorphose von Menschenknochen“. ebendaselbst 1859.
„Über einen Schädel aus einem Hünengrab“. ebendaselbst 1859.
„Über die Generatio aequivoca“. Verhandl. 1859.
„Über Monas Okenii, und über Verknöcherung der Schädelnähte“. Amtlicher 
			Bericht der Naturforscherversammlung in Carlsruhe 1859.
„Über einen Römerschädel; über Menschengebeine aus dem Löß von Mastricht;
über die mikroskopische Struktur fossiler Knochen; über die Kiesel(?)geräthe von
Abbeville; über Arndt’s Todtenmasle; über einen menschlichen Unter-
kiefer aus dem Löß“. Verhandlungen des naturhist. V. 1860.
„Über fossile Affenknochen im Rheinthale“; über Darwin’s Schrift on
		origin of species“. ebendaselbst 1861.
„Über Generatio aequivoca“. Verhandlungen 1861.
„Über Wissen und Glauben“ Kölner Domblatt 4 Mai 1862.
„Sur l’origine et sur metamorphoses des monades“. Comptes rendus
		de L ‚Institut 5 Mai 1862.
„über Cretinismus und Guggenbühls (?) Anstalt“. Verhandlungen 1862.
„Beobachtungen über die Pulsfrequenz“ ebendaselbst 1862.
„Über die Anthropologenversammlung in Göttingen“. ebendaselbst 1862.
„Über den Gorilla“ ebendaselbst 1862.
„Über alte Steinbilder in Commern“ ebendaselbst 1862.
„Über den Affen des Rheinthales, einen Zahn von rhinoceros ticharrhinos (?)
 und fossile Knochen von Engers“. ebendaselbst 1862
„ Zur Generatio aequivoca“ Verhandlungen 1863
„Über den Neanderthaler Schädel gegen Huxley“ ebendaselbst 1863
  mitgetheilt in den Bulletins der Anthrop. Gesellschaft von Paris 1863. p. 314 (?)

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„Über fossile Knochen von Wülferath.“ Verhandlungen 1863
„Über afrikanische Schädel aud der Römerzeit.“ ebendaselbst 1863

„Über Erhaltung der Blutscheiben in fossilen Knochen.“ ebendaselbst.
„Über fossile Knochen von Grevenbrück“ ebendaselbst 1864
Meine Werkzeuge