Brief 1860 07 03 (Schaaffhausen an Bethmann-Hollweg)

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Brief an

Datum: 03 Juli 1860
von: Schaaffhausen (über die Fakultät 42)
an: Minister
Transkription von: Dr. Ursula Zängl, ZB MED



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Ew. Excellenz
hatten die Gewogenheit, mir bei Ihrer Anwesenheit hierselbst am
4 ten Juni dieses Jahres Gehör zu schenken, als ich die Bitte aussprach,
daß mir nach einer bald 16 jährigen erfolgreichen akademischen Wirk-
samkeit eine meiner Thätigkeit angemessene Stellung ertheilt werden
möge. Da ich kaum hoffen darf, daß die von mir persönlich vorge-
brachten Wünsche unter dem Eindruck so zahlreich ertheilter Audienzen
Ew. Excellenz Aufmerksamkeit und Würdigung in dem Maaße finden konn-
te, als ich es wünschen muß, so nehme ich mir die Freiheit, mich
auch mit einem schriftlichen Gesuche um Beförderung an Ew. Excellenz
zu wenden.

Bereits am 10 ten März 1859 habe ich in einem Schreiben an Ew. Excellenz
meinem Wunsche, mit einer ordentlichen Professur betraut zu werden,
Ausdruck gegeben; als aber auf Vorschlag der Fakultät die Ernennung
des Herrn Dr. Pflüger zum Professor der Physiologie beschlossen war, konnte
meinen Ansprüchen an diese Professur keine Berücksichtigung mehr zu Theil
werden. Seit dieser Zeit ist mir das Verbleiben in meiner bisherigen
ungünstigen Stellung, für die sich wohl an keiner Universität 
ein entsprechendes Beispiel finden wird, doppelt drückend, denn es ist leicht
ersichtlich, daß ich bei der kürzlich eingetretenen Vermehrung des
medizinischen Lehrpersonales dadurch, daß mir eine erwartete Anerkennung
nicht zu Theil ward, in besondern Nachtheil gebracht worden bin.

Wenn ich hervorhebe, daß meine Leistungen in den ersten 12 Jahren ohne
jedwede Anerkennung geblieben sind, und daß ich bis heute ohne alle
Besoldung und ohne ordentliche Professur, ohne jene Hülfmittel, wie sie
andern Dozenten zu Gebote stehen, als Leitung eines Instituts, Samm-
lungen, Apparate, Fonds, trotz erfahrener Zurücksetzung und Anstellung
neuer Lehrkräfte meinem Berufe nicht untreu geworden bin, sondern die
Zahl meiner Zuhörer sich beständig vermehren sah, so daß dieselbe bis
jetzt nahe 1500 beträgt, in den letzten 6 Jahren durchschnittlich 75 im
                                                       Semester,

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so glaube ich, nicht nur Eifer und Liebe für die Wissenschaft bewiesen
zu haben, sondern kann auch mein Streben nicht für verfehlt halten.
Eine so ausgebreitete Lehrthätigkeit bietet, wie mir scheint, einen
Ersatz und eine Erklärung dafür, daß ich bisher nicht mit größeren
literarischen Werken hervorgetreten bin, an denen ich unausgesetzt
arbeite. Fehlen doch an unserer Universität die Beispiele nicht, daß
für die Beförderung zu einer ordentlichen Professur die größere oder ge-
ringere literarische Thätigkeit bei andersweitigen Leistungen nicht maß-
gebend gewesen ist, ja es werden solche Professuren selbst jungen Gelehr-
ten in gutem Vertrauen auf ihre Thätigkeit übertragen, ohne daß sie
den Nachweis ihrer Befähigung für das Lehrfach schon geliefert hätten.
Es sind indessen von mir zehn Abhandlungen über Gegenstände der
Anthropologie und allgemeine Physiologie in verschiedenen Zeitschriften
gedruckt und zwei im Druck begriffen, auch enthalten seit vielen
Jahren die Sitzungsberichte der niederrheinischen Gesellschaft für Natur-
und Heilkunde kürzere Mittheilungen über mein Studium.

Es gehören aber auch die Fächer, über die ich lese, zu den wichtigsten der
ganzen Heilkunde, es sind meist solche, welche dem Studium der Medi-
zin die streng wissenschaftliche Grundlage und Richtung geben; auch
umfassen sie ein so ausgedehntes Gebiet der Forschung, wie es vielleicht
von keinem andern Dozenten der medizinischen Fakultät vertreten wird,
nämlich die mikroskopische Anatomie, die allgemeine und die spezielle
Physiologie, die Anthropologie und Psychologie, die Enzyklopädie und
Methodologie der Medizin, die allgemeine Pathologie und Therapie.
Die Anthropologie, welche seit vielen Jahren eine der besuchtesten Vor-
Lesungen an unserer Hochschule ist, vertrete ich seit Nasse's Tod ganz
allein; die allgemeine Physiologie habe ich bis zu der Berufung des
Herrn Professor Pflüger allein gelesen; ebenso fallen mir jetzt bei
Weitem die meisten Zuhörer in der Enzyklopädie der Medizin zu,
in der ich auch einen Abriß der Geschichte der Medizin gebe;
die allgemeine Pathologie, die ich in den letzten beiden Semestern
zu lesen angefangen, eine von den hiesigen Studirenden sehr
vernachlässigte aber für die wissenschaftliche Ausbildung derselben
unerläßliche Vorlesung hoffe ich wieder in Annahme zu bringen.

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Als mir eine außerordentliche Professur zu Theil wurde, durfte ich
glauben, damit im Falle eintretender Vakanz eine Anwartschaft
auf die ordentliche Professur des Faches zu besitzen, dem vorzugs-
weise meine Thätigkeit gewidmet war, zumal das hohe Ministerium
mir auch in der Ernennung zum Mitgliede der Prüfungs Kommission
für das medizinische Staatsexamen eine Anerkennung bewiesen hatte.
Diese Erwartung ist getäuscht worden. Es ist mir aber nicht unbekannt
geblieben, daß die Fakultät wie bei früheren Gelegenheiten so noch
bei der Berufung des Herrn Prof. Pflüger, also vor etwa 2 Jahren,
nicht unterlassen hat, auch über meine Thätigkeit in lobender Weise
zu berichten und eine ehrende Anerkennung für mich in Vorschlag zu
bringen, die indessen nicht erfolgt ist. Ich glaube aber auch jetzt noch
mit Rücksicht sowohl auf die Ausdehnung meiner akademischen Wirk-
samkeit als auch die Wichtigkeit der Fächer, die ich vertrete, mit
demselben Rechte Ansprüche auf Beförderung  erheben zu können, als es
andern und jüngern Forscher mit Glück gethan haben. Erwäge ich 
die lange Zeit, in der ich auf uneigennützige Weise Zeit und Kräfte
meiner besten Jahre dem akademischen Lehramte widme, so glaube
ich sogar ein Vorrecht zu besitzen auf die Erfüllung des Wunsches,
daß es Ew. Excellenz gefallen möge, meine ungünstige und mit
meiner Lehrthätigkeit im Wiederspruche stehende äussere Stellung an
unserer Hochschule durch Ertheilung einer ordentlichen Professur zu
verbessern.

                        Mit vollkommenster Hochachtung
 Bonn, den 3 ten Juli
1860.                         zeichnet
                          gehorsamst
                        Professor Dr. Hermann Schaaffhausen.


An
Seine Excellenz, den Minister der Geistlichen,
Unterrichts und Medicinal-Angelegenheiten
Herrn von Bethmann-Hollweg
in 
Berlin.
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