Brief 1858 10 02 (Schaaffhausen an Schulze)

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Brief an Schulze

Datum: 02.10.1858
von: Schaaffhausen
An: Schulze
Transkription von: Dr. Ursula Zängl, ZB MED
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Ew. Excellenz
spreche ich jetzt erst für die auf mein Gesuch erfolgte Bewilligung
des Ankaufs der durch Herrn von der Lauritz (?) angefertigten Rassen-
büsten hiermit den schuldigen und wärmsten Dank aus, da erst vor
kurzem der Abschluß der Rechnungen über diesen Gegenstand sowie die zweck-
mäßige Aufstellung der Büsten in dem hiesigen anatomischen Museum er-
folgt ist. Zugleich benutze ich aber diese Gelegenheit Ew. Excellenz
die Bitte vorzutragen, bei den Verhandlungen über die Wiederbesetzung
der durch den Abgang des Herrn Professors Helmholtz erledigten Professur der
Anatomie und Physiologie für den nun eingetretenen Fall einer von dem
Hohen Ministerium beschlossenen Trennung dieser beiden inhaltsreichen Fächer
meiner mit dem Ablauf dieses Jahres vierzehnjährigen akademischen Wirk-
samkeit nicht uneingedenk zu sein. Wenn ich erwäge, wie oft und auch
in letzter Zeit an unserer Universität ordentliche Professuren an junge,
in Bezug auf ihre Lehrfähigkeit noch kaum erprobte Männer in gutem Ver-
trauen auf ihre Tüchtigkeit vergeben worden sind, so glaube ich im Hinblicke
auf eine lange, erfolgreiche und ganz uneigennützige akademische Thätigkeit
doch endlich einen nicht unbilligen Anspruch auf eine würdigere Stellung
an unserer Hochschule erfahren zu können. Wenn ich ohne eine ordentliche 
Professur zu bekleiden, also allein auf mich selbst gestellt, in meinen
Vorlesungen eine Zahl von Zuhörern erreicht habe, wie wenig andere

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Leser der Universität, so kann ich mein Bestreben, das ausgedehnte
Gebiet des physiologischen Wissens in seinem ganzen Umfange zu bewältigen
und die seltenste Kunst des akademischen Lehrers, die Gabe eines freien
und anregenden Vortrags mir anzueignen, nicht für ganz verfehlt
halten. Im Jahre 1854 betrug die Zahl meiner Zuhörer 123, 1855: 137,
1856: 131, 1857: 157, 1858: 135. Daß ich bisher keine größeren
literarischen Werke herausgegeben, ist freilich eine Ausnahme von der
Regel; ich darf aber auf den unausgesetzten Fleiß verweisen, den ich
meinen zum Theil sehr zeitraubenden Vorlesungen gewidmet, und auch
auf meine äussern Verhältnisse, die mich niemals auf diesem Weg als
auf eine Erwerbsquelle hingedrängt haben. Es sind indessen von
mir in Gelehrtenversammlungen bei jeder Gelegenheit Vorträge
gehalten worden, die nicht ohne Anerkennung geblieben sind, und
die von mir in Zeitschriften gedruckten Abhandlungen, bis jetzt neun
an der Zahl, werden nach Form und Inhalt nicht gegen mich zeugen.
Selbst abgesehen von der nothwendig gewordenen Besetzung der Professur
der Physiologie ersehe ich aus den Statuten der medizinischen Fakul-
tät, daß noch zwei ordentliche Professuren hierselbst unbesetzt sind
nämlich die der medizinischen Naturwissenschaften und die der Geschichte und Literatur
der Medizin sowie die Enzyclopädie und Methodologie der Medizin,
und gerade in diesen Fachkreis gehören die Vorlesungen, welche ich
ausser denen über die Physiologie halte. Die Anthropologie,


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die allgemeine Physiologie, die mikroskopische Anatomie vertrete ich
seit Jahren allein an hiesiger Universität. Wenn die Fakultät in
ihrer letzten Mittheilung an das hohe Staatsministerium mich zwar
werth findet, in ihre Mitte als Ordinarius einzutreten, mich für
die Professur der Physiologie aber nicht in Vorschlag bringt, so sind
mir dafür die Gründe unbekannt. Gegen die Meinung, daß ich
ein Fach, das ich seit Jahren lese, zu vertreten nicht im Stande
sei, muß ich Verwahrung einlegen.
Möge es Ew. Excellenz gefallen, mir einen Beweis der lange
entbehrten Anerkennung zu geben, und mich nicht länger in
einer Stellung belassen, die nur zu sehr geeignet ist, mich
dem Berufe, welchen ich mich seit Jahren mit Liebe gewidmet habe,
zu entfremden (unleserlich).

Mit vollkommenster Hochachtung
zeichnet gehorsamst
Professor Dr. Hermann Schaaffhausen

Bonn, den 2ten October
1858

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