Brief 1854 06 10 (Schaaffhausen an Schulze)

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Brief an

Datum: 10.06.1854
von: Schaaffhausen
an: Schulze
Transkription von: Dr. Ursula Zängl, ZB MED



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								Bonn, 10 Juni 1854

Hochgeehrter Herr!

Da ich im Laufe des vergangenen Monates bei der hiesigen medizinischen
Fakultät ein Gesuch um Beförderung zur ausserordentlichen Professur ein-
gereicht habe mit der Bitte, dasselbe an ein hohes Staatsministerium ge-
langen zu lassen, so erlaube ich mir, an Sie, hochverehrter Herr, dessen
warme Theilnahme für das Wohl der Landes Universitäten mir bekannt ist
und dessen Einfluß auf dasselbe so hoch angeschlagen wird, in Ermangelung
persönlicher Bekanntschaft einige Zeilen zu richten in der Absicht, Ihre gütige
Vermittelung in Anspruch zu nehmen.

Es sind bald 10 Jahre, daß ich der medizinischen Fakultät der hiesigen Un-
niversität als Privatdozent angehöre, und es mag auffallend erscheinen, daß ich 
nicht schon früher, wie es Gebrauch ist, mich zur Beförderung gemeldet habe.
Ich gestehe,indessen, auch jetzt diesen Schritt nicht ohne Überwindung zu thun,
indem ich bedaure, daß nun einmal nach bestehenden Einrichtungen der
junge Gelehrte sein eigener Lobredner und Bittsteller in diesem Falle sein muß.

Dieses widerstrebende Gefühl hat mich bisher abgehalten, den mir so oft von
Freunden empfohlenen Weg einzuschlagen, und ich zog es vor, zu warten
um so mehr, als meine Verhältnisse mir dies gestatten und mich die Noth
nicht düngte, die Behörden mit Bittgesuchen um Beförderung oder Gratifi-
kationen lästig zu fallen. Ich habe mich aber endlich zu diesem Schritte
ohne den man nun einmal, wie ich sage, nicht vorwärts kommt, ver-
pflichtet, nicht weil ich glaube, daß jemals allein die Zeit, die man als
Privatdozent verbracht, einen Anspruch auf Beförderung geben könnte, zu der
nur Verdienst und Fähigkeit berechtigen, sondern weil ich das Bewußtsein
in mir trage, eine Anerkennung für die durch eine Reihe von Jahren
redlich erfüllte (… )pflicht  fordern zu dürfen, und weil die undankbare
								Stellung
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eines Privatdozenten auf die Dauer weder das eigene Ehrgefühl be-
friedigen noch der öffentlichen Wirksamkeit förderlich sein kann.
Schon vor einigen Jahren wurde ohne mein Wissen und ohne irgend
eine Anregung von meiner Seite im Schooße der Fakultät der Vor-
schlag gemacht, meine Beförderung bei einem hohen Staatsministerium
einstimmig zu beantragen. Demselben wurde jedoch von einigen Fakul-
tätsmitgliedern deßhalb nicht beigestimmt, weil man wünsche, daß ich mich
durch literarische Arbeiten bekannter gemacht habe. Ich bedaure es indessen
nicht, von dem schriftstellerischen Ehrgeiz, den gelehrten Markt recht früh
mit dicken Büchern zu beschicken, frei geblieben zu sein, auf die Gefahr 
hin, dass jedes andern Verdienst des akademischen Lehrers weniger
beachtet zu werden pflegt, als das Bücherschreiben. Scheint es auch, als
hätte ich nur für die größeren wissenschaftlichen Werke, mit deren Vollend-
ung ich beschäftigt bin, das novum primatur in annum zum
Grundsatze gemacht, was zum Theil in der Natur dieser Arbeiten liegt,
so glaube ich doch durch verschiedene in gelehrten Zeitschriften gedruckte
Abhandlungen anthropologischen und physiologischen Inhalts, von denen
ich einige Ihnen hochachtungsvoll hiermit zu übersenden
mir erlaube, den Beweis geliefert zu haben, daß ich zum Schreiben
wenigstens nicht unfähig bin. In der Beilage zur Allgemeinen
Augsb. Zeitung vom 6 t. Febr. dieses Jahres hat die von mir zuletzt
in der deutschen Vierteljahresschrift gedruckte Abhandlung „über die Ver-
breitung des organischen Lebens“ von einem mir unbekannten
Kritiker eine ausführliche und sehr rühmende Erwähnung gefunden.
Auch habe ich bei zahlreichen Gelegenheiten in gelehrten Gesellschaften
und wissenschaftlichen Vereinen durch Vorträge und gelesene Abhand-
lungen ein öffentliches Zeugniß meiner Studien abgelegt.
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Meinem Gesuche an die medizinische Fakultät habe ich ein Verzeichniß meiner Vor-
lesungen und Zuhörer eingereicht, das den Nachweis von dem Erfolge
meiner Lehrthätigkeit liefern soll, und ich habe allen Grund zu
hoffen, daß das Urtheil meiner hochgeachteten Fakultät nur im günst-
igen Sinne für mich ausfallen wird.

Wiewohl mir persönliche Hindernisse in meinem Wirkungskreise nicht
fremd geblieben sind, so wird man mir doch das Zeugniß geben, daß ich
den kollegialen Frieden nie gestört habe. Meine nächststehenden
Lehrgenossen haben mir schon im Jahre 1848 ihr Vertrauen dadurch bewiesen, 
daß sie mich zu der im September desselben Jahres statt gefundenen Ver-
sammlung aller deutschen Universitäten als ihren Deputirten wählten.

Ich unterstelle endlich, daß ein hohes Ministerium um so eher die Beför-
derung eines so lange der medizinischen Fakultät dieser Universität
angehörenden Dozenten anordnen wird, als gerade in den letzten Jahren der-
selben so manche Lehrkräfte entzogen worden sind, ohne daß bisher ein
Ersatz dafür geboten worden wäre, der doch zunächst aus den vor-
handenen Lehrkräften gesucht werden sollte. Da es sich um den Neubau eines 
anatomischen Museums und die Errichtung eines physiologischen
Institutes an hiesiger Universität handelt, so kann ich nicht verschweigen
daß ich durch eine Beförderung auch der Aussicht näher komme, an der
Leitung dieser Anstalt, die nach meiner Übezeugung zweckmäßig unter
der Führung von mehreren Dozenten stehen muß, beteiligt zu werden.

Indem ich die Prüfung dieser meiner
Wünsche und Beweggründe Ihrem billigen
Urtheil anheimgebe, bitte ich Sie hochgeschätzter Herr Geheimrath mir
die Freiheit die ich mir genommen, entschuldigen, und mein Gesuch bei
einem hohen Staatsministerium gütigst befürworten zu wollen

		Mit ausgezeichneter Hochtung
ergebenst
Dr. Hermann Schaaffhausen
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An 
den Wirklichen Geheimen Ober-Regierungsrath
Dr. Joh. Schulze
hochwohlgeborenen
in
Berlin
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